Ausflug nach Leipzig (5)

Ich mache einfach da weiter, wo ich letzten September aufgehört habe. Den vorhergehenden Eintrag findet ihr hier. (Zur Vergrößerung der Bilder: Rechter Mausklick aufs Foto, dann „Grafik anzeigen“ anklicken.)

Leipzig ist eine Bücherstadt: Es gibt beneidenswert viele Antiquariate. In Köln haben die meisten in den letzten Jahren nach und nach geschlossen.

Vielleichts liegt’s an der Buchmesse: Die Leipziger Buchmesse gibt es schon seit dem 17. Jahrhundert, sie überflügelte bald die ältere Frankfurter Buchmesse an Größe und an Bedeutung (die Frankfurter hatten schwer unter der Gegenreformation zu leiden: Lesen klärt die Leute auf, und das war noch nie im Sinne des katholischen Klerus). Erst nach dem 2. WK kehrte sich das Verhältnis um. Trotz (oder wegen?) einer stark reglementierten Bücher-Politik während der DDR-Zeit verlor die Leipziger Buchmesse nicht ihre Bedeutung, und heute ist sie mit ihren zahlreichen Veranstaltungen ein Publikumsmagnet.

Die vielen Passagen in der Stadt haben mit der Entwicklung Leipzigs als Messestadt zu tun: Mustermessen, wie wir sie heute kennen, gibt es erst seit 1895 (übrigens eine Leipziger Erfindung), in den Jahrhunderten vorher mußten die Hersteller ihre Waren, die sie das Jahr über hergestellt hatten, sämtlich mit zur Messe schleppen. Da das Messehaus schnell voll war, wurden die Waren in den Gassen der Innenstadt ausgestellt und waren somit natürlich Wind und Wetter ausgesetzt. Also fing man an, die Gassen zu überdachen – voilà, Passagen entstehen. In Leipzig gibt es sie in allen Formen, als einfachen Durchgang …

… als mittelprächtige Geschäftspassage …

… und als aufpolierten Ort für Luxusgüter: Die berühmte Mädlerpassage …

… für Leute mit gehobenen und relativ sinnfreien Ansprüchen.

Das Café Mephisto heißt so, weil sich im Untergeschoß der Passage das aus Goethes Faust bekannte Restaurant „Auerbachs Keller“ befindet, da liegt es nahe, sich touristisch als Ersatz anzubieten („Auerbachs Keller war uns zu teuer, aber wir haben im Mephisto einen Kaffee getrunken“. Haben wir gar nicht, aber so könnte es in vielen Erzählungen lauten). Und vielleicht schmeckt es da ja auch ganz gut.

Und da steht er, zusammen mit seinem Opfer Dr. Faust, und versucht, ihm eine Handtasche für das Gretchen anzudrehen.

Kann man sagen, daß Kaufhäuser Weiterentwicklungen von Passagen sind? Im Kaufhaus Ebert, als das dieses Gebäude 1904 errichtet wurde, stapelte man die Waren auch, aber man legte Wert darauf, zu versichern, daß es keinesfalls Ramschware war, denn die anvisierte Kundschaft waren nicht etwa die Massen, sondern die neue Gesellschaftsschicht, die es im 19. Jahrhundert zu Wohlstand gebracht hatte, das Bürgertum. Und diesem Umstand ist es vielleicht geschuldet, daß man auf den Prunk des Barock und gleichzeitig auf die Modernität des Jugendstils in der Architektur des Gebäudes nicht verzichten wollte. Seltsame Mischung. Seit der Wende hat die Commerzbank hier eine Filiale.

Die beiden Figuren links und rechts der Eingangstür sind Allegorien zweier Todsünden: Superbia (Hochmut, Stolz, Eitelkeit) und Luxuria (Wollust, Ausschweifung, Genußsucht) – auf den ersten Blick eine seltsame Einladung für einen Konsumtempel. Ich vermute, das ist dem Protestantismus geschuldet – es ist eine Warnung: Bitte sehr, hier ist viel Geld im Umlauf, das wollen wir nicht verhindern, aber wundert euch nicht, wenn ihr dafür in der Hölle landet (erinnert mich an die Warnungen auf Zigarettenschachteln). Tja, so sind sie, die Evangelen. Für die Commerzbank sind die Allegorien natürlich gar kein Problem, die Banker von heute verstehen solche Figuren nicht als Warnung, sondern als Aufforderung.
Die Vergoldung ist übrigens eine Auflage des Denkmalamtes Mitte der 90er Jahre.

In Leipzig mag man offenbar die Vermischung ganz unterschiedlicher architektonischer Stile. Was ist das für ein schwarzer Bau da im Hintergrund?

Ein neues Universitätsgebäude, erst 2018 fertig geworden (das scheint ein Trend zu sein – die neue Universitätsbibliothek in Freiburg ist auch so ein schwarzes Ungetüm). Hinter dem Kirchenfenster befindet sich die Aula, die auch für kirchliche Zwecke genutzt werden kann. Ganz früher stand hier tatsächlich mal eine Kirche, die im 2. WK zerstört wurde. Die DDR setzte ein Verwaltungsgebäude an die Stelle, das nun dem Neubau weichen mußte. Die Nicolaikirche ist keine fünf Minuten entfernt, aber kann ja sein, daß mal ein Kirchenraumengpaß entsteht …

Der Innenhof. Ich zähle fünf verschiedene Architekturstile, aber den Studierenden ist es gleich. Wenn die Bäume mal groß sind, ist es bestimmt ganz gemütlich.

Zur  Universitätsbibliothek sind es ein paar Minuten mit dem Fahrrad, denn sie liegt im sogenannten Musikerviertel, das so heißt, weil die Straßen nach Komponisten benannt sind.

Ah – das lobe ich mir: Herrschaftsarchitektur, demokratisiert.

Ausgerechnet hier war der Hebel meiner Kamera verstellt, so daß meine Fotos alle unscharf sind. Vielen Dank an meine Begleiterin, die mir mit den letzten drei Bildern ausgeholfen hat.

Im Musikerviertel gibt es noch viele Altbauten, aber auch sowas – muß nicht schlecht sein, darin zu wohnen, wenn der Schallschutz ausreichend ist. Von hier aus ist es nicht weit zur …

… langen Karl-Liebknecht-Str., an der es sogar noch unrenovierte Häuser der Gründerzeit gibt. Aber das ist nur eine Frage der Zeit, die Stadt wächst an Einwohnern, und das ist die beste Voraussetzung für Gentrifizierung.

Es ist eine angesagte Gegend: Viele Kneipen, Cafés, Imbisse und Restaurants zeugen von viel Leben, jedenfalls abends. Tagsüber ist nicht viel los.

Ob es hier Broiler gibt? (- das einzige DDR-Gericht, das ich kenne).

 

Der Künstler heißt Michael Fischer, aber da es diesen Namen gibt wie Sand am Meer (ein Freund von mir heißt zufällig auch so), nennt er sich Michael Fischer-Art. Ein weiteres Werk findet man …

… in der Innenstadt. Man könnte meinen, der Künstler käme aus der Graffiti-Szene, das ist aber wohl nicht der Fall.

„Wir sind das Volk!“ – heute leider von den Rechten mißbraucht, ist dieser Satz die Parole zur friedlichen Revolution 1989.

Die Nicolaikirche. Schon 1982 fanden hier regelmäßig öffentliche Friedensgebete statt, denen 1989 die Montagsdemonstrationen folgten.

Innen ist die romanisch/gotische Kirche unerwartet hell (was nicht nur daran liegt, daß wir tagsüber drinnen waren): Der Innenraum wurde Ende des 18. Jahrhundert nach der damaligen Mode klassizistisch ausgestaltet. Sowas würde man heute nicht mehr machen, aber ich finde es ganz gut gelungen.

Besonders auffällig: Die Palmenkapitelle auf den Säulen – habe ich sonst noch nirgendwo gesehen.

In den 90ern hat man eine Replik einer Säule auf den Kirchplatz gestellt, als Denkmal für die Zeit, als man die Aktionen aus der Kirche hinaus in die Stadt getragen hat.

Eine interessante, lebendige Stadt – wir müssen nochmal wiederkommen.

Fortsetzung folgt.

13 Antworten zu “Ausflug nach Leipzig (5)

  1. welche eine freude, dich hier zu sehen! :-))

    um gleich ins thema messestadt und bücher einzusteigen, möchte ich anmerken, dass die erste weltaustellung schon im jahr 1851 in london stattfand. der schirmherr, damals nannte man das anders, war der gemahl von königin viktoria, der prinz albert.
    deine fotos, die du uns zeigst, zeigen manch wundervolles gebäude, lieben dank.
    in der ddr wurde zensur im großen stil betrieben, wie du richtig bemerktest. verstehen kann ich zensur bis heute nicht, doch erleben wir sie nicht auch in der heutigen zeit?
    dank internet kann jeder „seine“ wahrheiten verbreiten was politiker auch tun. (gestern spät nachts auf 3sat die sendung extra3 gesehen. dort wurde berichtet)
    doch jede wahrheit ist subjektiv, denn eine allgemeingültige wahrheit gibbet nicht.

    desweggen andere zu zensieren, weil damit eine kritische haltung unterdrückt werden kann, ist heftig.
    aber wir erleben es jeden tag in den meiden und von politikern.
    ist es damals in der ddr nicht besser gewesen?
    da wusste man was verboten war. heute kann man sich nur wundern was und wie zensiert und unterdrückt wird.

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    • London – da berührst Du einen wunden Punkt. Ich war nämlich neulich (also, ähm, vor drei Jahren) mal da und hab immer noch nichts davon erzählt. Schande über mich – ich gelobe Besserung.;-)

      „ist es damals in der ddr nicht besser gewesen?“, fragst Du. Nee, war’s nicht. Alles, was Du in einen Blogeintrag oder -kommentar schreiben willst, kannst Du veröffentlichen, ohne jede Zensur. Das wäre da wohl kaum möglich gewesen. Daß man bei uns versucht, bestimmte Meinungen und Tatsachen zu unterdrücken, hat mit einer allgemeinen Zensur nichts zu tun. Selbst, wenn sie es schaffen, Dinge und Zusammenhänge zu verbergen – früher oder später kommt es ja doch heraus.

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      • etwas in jahr 2005 musste ich unsere örtliche dienststelle der polizei aufsuchen wegen schreiberein über mich im internet.
        die angelegenheit wurde zur staatsanwaltschaft gebracht, aber die konnten nix ermitteln. ich solle warten bis weiteres über mich geschrieben würde.
        das bleib aber aus und ich las diese seiten nicht mehr.
        jedenfalls fragte ich den kommsissar darüber aus wie man was über personen des öffentlichen lebens im internet schreiben darf bevor die polizei ermitteln müsste.
        er sagte, man dürfe nicht persönlich beleidigen und diffamieren, oder falsches behaupten. denn sonst müsse ermittelt werden weil diese sachen strafbar sind.
        wir können also unsere meinungen offen sagen, wenn wir gewisse regeln einhalten.

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  2. Ich liebe Leipzig! Die Stadt ist einfach perfekt und die Menschen sind so freundlich dort.
    Die Passagen sind praktisch bei Regen. Man kann immer irgendwo hinein schlüpfen und muß nicht direkt in einen Laden gehen.
    In der Passage & den Läden rund um Auerbachs Keller war ich gar nicht erst, bloß nie dahin, wo ALLE hingehen ist immer gut. 😉
    Die vielen (guten!) Buchläden sind das beste und die vielen Möglichkeiten draußen zu sitzen.
    Ist dir mal aufgefallen, wie sehr die Nikolaikirche St, Martin’s-in-the-fields ähnelt?
    Finde ich jedenfalls.
    Ich habe mir dort – also in St. Nikolai- einen „original“ Schwerter-zu-Pflugscharen-Button gekauft. Das mußte sein.

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    • St. Martin’s-in-the-fields – ich habe mir gerade Bilder angesehen, stimmt, innen hat sie eine gewisse Ähnlichkeit, die in diesem Fall der äußeren Gestaltung entspricht: Ein klassizistischer Bau, innen wie außen. Bei der Nikolaikirche vermutet man so einen Innenraum nicht, wenn man nach dem Äußeren geht und Bilder anderer mittelalterlicher Kirchen im Kopf hat.

      Wir tapern ja immer überall hin, auch, wo alle hingehen, wollen wir uns nicht entgehen lassen. Eigentlich wollten wir sogar in Auerbachs Keller essen gehen, aber das Restaurant liegt ja wirklich im Keller, und wenn draußen 25 Grad ist, ist das nicht die erste Wahl. Nächstes Mal.
      Die Buchläden haben wir nur von außen gesehen, leider leider, aber am Anfang einer Reise ist es unklug, sich mit Büchern zu beschweren. Also habe ich die Versuchung schweren Herzens gemieden.;-)

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