Bahnhofsvorplatz

Im Jahr 2014 haben 3.330.546 Gäste in einem der vielen Kölner Hotels eingecheckt. Von denen sind wahrscheinlich sehr viele mit der Bahn gekommen, mit schwerem Gepäck und erstmal keiner Ahnung, wo es lang geht. Was liegt da näher, als in ein Taxi zu steigen und sich schnell bringen zu lassen? Glücklicherweise gibt es am Hauptbahnhof und drei weiteren kleineren Bahnhöfen insgesamt 50 Taxistellplätze, die die Bahn für bislang 6.000 Euro pro Jahr an die Taxifirmen verpachtet hat. 50 Plätze, das hört sich nicht viel an für über 1.200 Taxis, aber das geht recht schnell, ich habe das neulich mal zufällig beobachtet, wie in einem Karussell kommen die Wagen nach und werden recht schnell geordert. Zum Februar nun ist die Pacht abgelaufen, und die Bahn macht den Taxiunternehmen ein neues Angebot – man ahnt schon: Das wird eine Erhöhung der Pacht mit sich bringen.

Und so ist es auch: Die Bahn verlangt nun 160.000 Euro pro Jahr. Nein, ich habe mich nicht verschrieben: Von 6.000 Euro erhöht die Bahn die Pacht auf 160.000 Euro. Zum Vergleich: Eine Flasche Bier kostet 89 Cent; nach einer Erhöhung, wie sie der Bahn vorschwebt, müßte man dann 23,73 Euro dafür bezahlen. Weil das keiner begreift, macht die Bahn ein zweites Angebot: 100.000 Euro plus einer jährlichen Steigerung um 2 Prozent. Sollte die Bahn dabei bleiben, überlegen die Taxiunternehmen nun, wo sie in Zukunft parken können – auf jeden Fall weiter weg, zu Lasten der Gäste, die erstmal eine Strecke mit Sack und Pack zu Fuß zurücklegen müssen, bevor sie ein Taxi finden. Und wenn man mit dem Taxi zum Bahnhof fährt, weil man den Zug erreichen muß, sollte man auch genug Zeit für den zusätzlichen Fußweg einplanen.
Im Moment benutzen die Taxis den Platz ungeregelt und nur geduldet. Bei der Bahn sitzen die Strategen hinter verschlossenen Türen und beraten weitere Einnahmefelder, während die Eurozeichen in den Augen rotieren. Kann man z.B. nicht die Bahnsteiggebühr wieder einführen für Leute, die Zugreisende abholen wollen? 20 Euro ist da doch nicht zu viel verlangt!

18 Antworten zu “Bahnhofsvorplatz

  1. Irgendwann gibt es keine Hebammen und keine Taxifahrer mehr. Warum? Einfach weil irgendwelche Idioten es Menschen unmöglich machen ihren Beruf noch weiter so auszuüben, daß sie etwas dran verdienten können.
    Ach ja und Milchbauern gibt es auch keine mehr.

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    • Genau. Die Tendenz ist ja allgemein zu sehen, daß die Realeinkommen sinken, aber einige betrifft es besonders hart. Neulich habe ich gehört, daß viele Obst- und Gemüsebauern in Rumänien ihren Ertrag genausogut wegwerfen können, da der Hauptabnehmer Lidl, von dem man inzwischen abhängig ist, die Preise so sehr drückt, daß kein Gewinn mehr übrigbleibt.

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  2. Unfassbar.Wie begründet die Bahn denn diese Steigerung, ohne eine zusätzliche Leistung zu erbringen? Am Ende gibt es keine Taxiunternehmen mehr, und alle sind auf dieses Ganovensystem Uber angewiesen.

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    • Die Bahn sagt, der alte Pachtvertrag sei von 1982 und nicht mehr marktgerecht. Die neue Summe ergebe sich aus der Berechnung der gestiegenen Kaufkraft in der Stadt und der Zunahme der Reisenden.
      Daß auch die Niederschlagsmenge im Sommer 2014 eine Rolle gespielt hat, haben sie zwar nicht gesagt, aber ich halte es nicht für ausgeschlossen. Oder die Anzahl der Sterne am Himmel.

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    • Und dan noch mit so fadenscheinigen Begründungen. Ob die wirklich glauben, die Kaufkraft der Taxifahrer sei in den vergangenen 30 Jahren um das 26fache gestiegen?

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      • Das sieht ganz danach aus als habe man schon einen Interessenten (Uber?) in der Hinterhand den man nach einer Schamfrist ins Spiel bringt. Oder man hat ganz andere Pläne mit diesen Flächen (eigener Busdienst?)

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        • Man sei mit Anbietern im Gespräch, läßt die Bahn verlauten, was den Leuten beim Kölner „Taxi-Ruf“ ein höhnisches Lachen entlockt, denn fast alle Taxifahrer sind hier organisiert. Mal schauen, wer zuletzt lacht.

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  3. hallo lieber videbitis, freut mich erstmal, dich hier wieder zu treffen. und was du da über die situation am kölner hauptbahnhof schreibst, wird in kleineren städten noch getoppt. es ist beispielsweise immer wieder erschreckend, wenn ich von berlin nach bautzen komme, einen völlig verlassenen bahnhof vorzufinden. da kommen zwar stündlich mehrere züge an, doch eine taxe steht da schon lang nicht mehr. und wenn man erst um 21.00 uhr ankommt, fährt nicht mal mehr ein bus. und bautzen ist immerhin eine kreisstadt.

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    • Stimmt, in kleineren Städten ist mir das auch schon aufgefallen, wie schlecht der ÖPNV ausgestattet ist. Lohnt sich vielleicht nicht, viele Leute haben eigene Autos.

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  4. Das liest sich tatsächlich unglaublich. Ich schließe daraus, dass die Taxihalteplätze sich auch bahneigenem und nicht auf städtischem Gelände befinden. Wurde in dem Zusammenhang erwähnt, wie das in anderen deutschen Großstädten aussieht bzw. was es dort kostet? – Ich verstehe auch das Verhalten der Bahn nicht, denn eine Beeinträchtigung des Komforts für die Fahrgäste würde der Bahn leicht einen Schaden zufügen, der die Mehreinnahmen übertrifft.

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    • Ja, der Bahnhofsvorplatz gehört der Bahn. Wie es in anderen Städten geregelt ist, darüber wurde nichts gesagt. In der Stadtverwaltung ist man auch entsetzt und überlegt, wie man den Taxifahrern einen Standplatz auf städtischem Gelände bereitstellen kann, aber die Situation in Köln ist wirklich sehr vertrackt, mit dem benachbarten Dom und der nahen Fußgängerzone. Jüngst war die Rückseite des Bahnhofs im Gespräch, das Gelände da gehört der Bahn nur zum Teil, aber das ist natürlich nicht besonders attraktiv: Als Reisender würde ich natürlich immer zum Haupteingang eines Bahnhofs gehen, wenn ich ein Taxi nehmen wollte.

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