Es waren zwei Königskinder …

Diese beiden Personen wollen uns etwas verkaufen. Was meint ihr, worum handelt es sich? Jacobs beste Krönung? Versicherungen? Zahnpasta? Vielleicht eine Anti-Aging-Creme namens Photoshop? Alles falsch. Böse Stimmen behaupten, die beiden würden uns verkaufen, und zwar für dumm – tatsächlich preisen sie sich selbst an, wir bekommen eine von ihnen zum Preis unserer Stimme:

Die beiden sind Kandidat und Kandidatin für das Amt der Kölner Oberbürgermeisterin, bzw. des Oberbürgermeisters. Die parteilose Frau Reker wurde ursprünglich von den Grünen nominiert, und in Ermangelung eines eigenen Kandidaten haben sich CDU, FDP und frei Wählergruppen einfach drangehängt. Bei dem Herren auf der rechten Seite wissen wir strenggenommen gar nicht, wofür er sich bewirbt, auch nicht, in welcher Partei er ist – von einer Partei namens OTT habe ich noch nichts gehört, weshalb wir mal davon ausgehen, daß das sein Nachname ist. Natürlich weiß ich inzwischen, daß er zur SPD gehört.

Interessant ist, daß beide Bewerber auf diesen Plakaten mehr oder weniger unterschwellig mit religiöser Symbolik dargestellt werden (keine Ahnung, ob ihnen das selbst klar ist): Frau Reker verteilt Brot, eine Handlung, die an Jesus Speisung der Fünftausend erinnert (durch ein Wunder wurden aus zwei Brotlaiben so viele, daß alle satt wurden), und bei Herrn Ott, der lächelnd in den Himmel schaut und uns an einer Prophezeiung teilhaben läßt, ist es sicherlich kein Zufall, daß sein Vorname nicht angeführt ist: Ott ist schon sehr nah am Allermächtigsten, wenn man die Buchstaben zählt, könnte man sagen: Ein Dreiviertel-Gott. Der profane „Jochen“ würde da nur stören.

Wenn man sich anhört oder durchliest, was beide ankündigen, wie sie ihren Job machen wollen, gibt es kleine Unterschiede, aber in beiden Fällen dürfte Köln nach kurzer Zeit keinerlei Schwierigkeiten mehr haben, weder im Verkehr, noch in der Wirtschaft, in der Kultur oder irgendeinem anderen Bereich. Prima! Da ist es ja fast egal, wen von beiden ich wähle. Frau Reker geriet in die Schlagzeilen, weil ihre von Gesichtsfalten weitgehend befreiten Portraits so gar nicht der Wirklichkeit entsprechen. Also ließ sie verkünden, das sei nicht auf ihrem Mist gewachsen, und veranlaßte, daß ein paar (hundert?) neue Plakate aufgehängt wurden, auf denen man nun ihr nicht durch Photoshop geschöntes Gesicht sehen kann.
Ein ähnlich unglückliches Händchen bei der Auswahl der Wahlmarketingfirma bewies auch Herr Ott: Die Kölner – ein Volk ohne Raum? Sollten die Nachbargemeinden schon mal ihre Waffen putzen, um sich vor Eingemeindungen zu schützen? Wird Düsseldorf gar zu einem Stadtteil Kölns? Ernsthaft: Herr Ott steht nicht im Geringsten unter Verdacht, sich bewußt Parolen aus der Nazizeit zu bedienen, aber dämlich ist das schon, oder?


Quelle: Kölner Stadtanzeiger, 15.09.15

Weil es so schwer ist zu entscheiden, wen man nun nehmen soll, erscheinen regelmäßig solche Artikel in der Tageszeitung, wo beide ausführlich ihre (wie gesagt: sehr ähnlichen) Positionen darlegen können. Daß es auch noch fünf andere BewerberInnen gibt, wird immer mal so eben nebenbei erwähnt, neulich wurde sogar mal eine ganze Zeitungsseite für sie geopfert: Der bekannteste Mitbewerber ist der Kandidat der Satirepartei „Die Partei“, der durch Fensehen bekannte Kriminalbiologe und Forensiker Mark Benecke, der z.B. fordert, man solle alle Straßen Köln mit 4711 säubern. Auch keine Chancen – laut veröffentlichter Ansicht – haben eine weitere parteilose Kandidatin, die für Party und Spaß kämpft, je ein Kandidat der AfD und der rechten Republikaner und ein parteiloser Kandidat mit den vernünftigsten Ansichten: Marcel Hövelmann.

Eigentlich hätte die Wahl am letzten Sonntag, 13.09., stattfinden sollen, allerdings ist im Vorfeld einem CDU-Politiker aufgefallen, daß auf den Stimmzetteln die Parteikürzel viel größ gedruckt sind als die Namen der Kandidaten. Da die Kandidatin der CDU, Frau Reker, keiner Partei angehört, befürchtete er eine Verfälschung der Ergebnisse: Der Wähler in der Wahlkabine entfaltet den Wahlschein und ist so geblendet von den überdimensionierten Bezeichnungen der Parteien, daß er völlig verwirrt ist und sein Kreuz z.B. hinter SPD macht, obwohl er eigentlich Frau Reker oder Herrn Hövelmann wählen wollte – so wahrscheinlich sein Verdacht.

Bei einer Überprüfung stellte sich heraus, daß die Wahlzettel tatsächlich nicht dem amtlichen Muster entsprachen, die Verwaltung hat Mist gebaut. Resultat: Alle Wahlzettel werden eingestampft, neue Zettel müssen gedruckt werden, alle schon abgegebenen 55.000 Briefwahlstimmen sind ungültig, der Wahltermin wird auf den 18. Oktober verschoben, alle Bürger müssen erneut benachrichtigt werden. Es entstehen so zusätzliche Kosten von ca. 1 Million Euro, die von der städtischen Wahlleiterin aus eigener Tasche bezahlt wird … quatsch, natürlich nicht. Die Wahlleiterin Frau Klein ist zurückgetreten, sie trage die Verantwortung, sei aber nicht Schuld an dem Debakel, sagt sie. Nun kann sich sich wieder ihrer eigentlichen Aufgabe als Dezernentin für Bildung, Jugend und Sport in der Stadtverwaltung widmen. Die zusätzlichen Kosten werden aus Steuermitteln bezahlt und fehlen dann irgendwo, an einer anderen Stelle.

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14 Antworten zu “Es waren zwei Königskinder …

  1. Servus!

    Habe mal das „unverfälschte“ Wahlplakatfoto von Fr. Reker gephotoshopt.
    (Eine Gesichtshälfte) Jetzt ist sie links frei von Krähenfüßen bzw. Falten.
    Siehe hier:

    So kanns gehn..;-)

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    • Sehr gut! Anti-Aging im „Salon AWTchen“. Ich weiß gar nicht, was die Leute gegen Gesichtsfalten haben, ich finde, sie verleihen Charakter. Falten am Hintern, okay, das ist was anderes, aber die werden ja nicht von Politikern in die Kameras gehalten (auch wenn es manchmal doch so aussieht;-)

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      • Bonjour!

        Ich war richtig überrascht, als ich das Foto hier direkt sah..;-)
        Bin vollkommen deiner Meinung. Ich persönlich finde es grauenhaft,
        wenn sich Frauen und Männer das Gesicht liften lassen.
        Wie du schon erwähnt hast, bilden Falten auch das Wesen ab.
        Bei Filmschauspieler kann ich noch ein Auge zudrücken, weil eben
        das Gesicht das Geschäft ist. Gerade Frauen über 40 haben es in
        der Filmbranche schwer, wenn die Jugendlichkeit gewichen ist.
        Wenn ich dagegen aufgepimpte, alte Damen wie z.B. diese Charity-Lady
        -> http://tinyurl.com/onuuv8n <- sehe, wird mir einfach anders…
        Die machen sich zum Monster und merken es anscheinend nicht.
        Sie lassen sich die Lippen mit Collagen polstern, die Stirn mit Botox
        vollspritzen, alle Mimikfalten operativ korrigieren. Fertig ist glatte Visage
        mit Kamellippen. Die breite Masse wird von der Kosmetik-Industrie mit
        allerlei Hokuspokus-Cremes-u.Tinkturen umsorgt.
        Den Rest erledigt Photoshop.

        Ich lasse mich in Würde (f)altern..;-)

        P.S. Ich hoffe, du hast Verständnis dafür, wenn ich hie und da thematisch
        "abzweige". Eine Neigung von mir..:-)

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        • Ja, die (in erster Linie) Frauen, die das für nötig halten, tun mir regelrecht leid, wenn ich sehe, wie sie sich verunstalten, der Jugendwahn zeigt sich hier in aller Brutalität. Und die Schönheitsindustrie macht Kasse. Als König von Deutschland würde ich das rigoros verbieten.

          PS: Aber ja, gerne, ist doch immer wieder amüsant.:-)

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  2. Das alles ist mal wieder typisch Köln – wenns nicht so dämlich wäre, könnte man herzlich lachen. Wird diese Stadt jemals die Kurve kriegen? Ich glaube, ohne Klüngel und Pannen gehts einfach nicht. Ihr seid um diese Wahl wirklich nicht zu beneiden. Und das „Milliönchen“ verschmerzt das großherzige Köln doch sicher…. 😉

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    • Du sagst es, ganz typisch, wundern muß man sich wahrscheinlich erst, wenn mal was auf Anhieb klappt. Und im Ausgeben von zusätzlichen Milliönchen ist Köln ganz groß: Kaum ein öffentlicher Auftrag, der keinen Zuschuß braucht, oft sogar das Vielfache der ursprünglich veranschlagten Summe.
      Als ich neulich meinen Arbeitgeber darüber informiert habe, daß ich mit dem regulären Lohn leider nicht hinkomme in diesem Monat, weil ich schon so viel ausgegeben habe, hat der mir gleich noch einen Monatslohn überwiesen, schließlich muß es irgendwie weitergehen. Am besten legt er schon mal ein kleines Notfalldepot an, kann ja sein, daß mir das bald nochmal passiert.

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  3. Interessant finde ich, daß hier nur wieder über IHRE Falten diskutiert wird, ob er welche hat oder nicht hat, interessiert keine Sau. Die gute Frau könnte natürlich herrlich werben: „Einfältig bin ich nicht, genauso wenig wie Köln: Für die Vielfältigkeit unserer Stadt!“
    (Hey, ich sollte vielleicht Wahlspruchdesignerin werden)

    OTT bedeutete natürlich „Ohne Täuschung täuschen“ oder „Ohne Titel täuschen“?
    oder war es gar „Oberbürgermeister täuscht tausendfach“? Oder vielleicht doch „OB tausendfacher Tünnes“…irgendwas wird es sein.

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    • *lach* „Köln – so abgründig wie die Furchen meiner Falten“. Daß mehr über die Falten geredet wird als über das andere Blabla, hat sie sich in diesem Fall selbst zuzuschreiben, denn auf den vielen vielen Plakaten ist sie so geglättet, daß man denkt, die arme Frau hat sich inzwischen eine ernste Krankheit zugezogen, wenn man sie dann mal in echt sieht.

      OTT – Ohne Triftigen Tiefgang, oder Ochnur’n Tumber Trottel. Oder auch: Omnipotenter Titan und Tausendsassa.

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