Urlaub in Berlin, Gedenkstätte Hohenschönhausen

In der Zeitung war zu lesen, daß sich sich kürzlich der Verein „Traditionsverband Nationale Volksarmee“ in der Cafeteria des Tierparks Friedrichsfelde getroffen hat, um ein Jubiläum zu feiern: Das 55 Jubiläum der NVA, der Armee der DDR. Mehrere hundert Anhänger sollen da gewesen sein, einige in Paradeuniform.

Allen, die glauben, die DDR sei doch ein ganz komfortabler Staat gewesen, empfehle ich einen Besuch im ehemaligen Stasigefängnis Berlin-Hohenschönhausen. Nach dem 2. Weltkrieg richteten die Sowjets hier ein Untersuchungsgefängnis ein, in dem Nazis, aber auch andere mutmaßliche Gegner des Kommunismus verhört und gefoltert wurden.

Die 60 im Keller gelegenen fensterlosen und feuchten Zellen (der Trakt wurde deshalb „U-Boot“ genannt) waren mit einer Holzpritsche und einem Kübel ausgestattet.

Die Folterungen waren vielfältig: Schlafentzug, Schläge, Isolation, Stehfolter, Wasserfolter etc. 20.000 Häftlinge mußten Verhöre über sich ergehen lassen, bevor sie auf weitere Lager verteilt wurden – wenn sie nicht zu den 3.000 gehörten, die an den Verhörmethoden verstarben.

1951 übernahm die Stasi das Gefängnis. Nach dem Tode Stalins 1953 wurde die physische Folter abgeschafft, die Methoden wurden verfeinert, wobei sie natürlich immer noch körperliche Folgen hatten: Die Isolation war nun seit Haftbeginn total, die Beobachtung permanent, Demütigungen, Einschüchterungen und Drohungen auch in Bezug auf Familienangehörige gängige Mittel. 1961 mußte von den Insassen eines benachbarten Arbeitslagers ein neuer Zellentrakt gebaut weren (s.o.) (die Waschbecken wurden allerdings erst in den 80ern installiert).

Neben den über 100 neuen Zellen gab es 120 Vernehmungszimmer, in denen zuletzt 484 hauptamtliche Ermittlungsmitarbeiter ihre endlosen Verhöre durchführten. Die Untersuchungshaft konnte mehrere Jahre dauern. Der Führer unserer Besuchsgruppe, ein ehemaliger Häftling, der verhaftet worden war, weil er geplant hatte, Protestplakate zur Zwangsaubürgerung von Wolf Biermann zu kleben (wozu es nicht kam, weil er vorherher von einem „Freund“ verraten worden war), schildert den Vorgang so: Nach der Verhaftung wird man in einem fensterlosen Transporter stundenlang herumgefahren, damit man die Orientierung verliert. Im Gefängnis sieht man nur Personal, die Isolierung ist perfekt, die Zellenfenster sind aus Glasbausteinen.

Immer wieder wird man in ein Vernehmungszimmer geführt, ohne einen Mitgefangenen zu sehen. Im Vernehmungszimmer muß man stundenlang warten, zur Vernehmung dann auf seinen Händen sitzend immer wieder die selben Fragen beantworten, was auf Tonband aufgenommen wird. Nach jeweils zwei Tagen erhält man zur Unterschrift das Vernehmungsprotokoll, in dem Sätze stehen, die man so nie gesagt hat, und wenn man die Unterschrift verweigert: Kein Problem, das Protokoll wird vor den Augen des Inhaftierten zerrissen, und alles geht von vorn los.

Die gesamte Anlage war zu DDR-Zeiten Sperrgebiet und geheim. Auf der Homepage der Gedenkstätte heißt es: „Tausende politisch Verfolgte waren an diesem Ort inhaftiert, darunter fast alle bekannten DDR-Oppositionellen. Rund um die Haftanstalt in der Berliner Genslerstraße waren zugleich die zentralen Diensteinheiten ansässig, die beim MfS für strafrechtliche Ermittlungen und Gefängnisse zuständig waren: die Hauptabteilung IX und die Abteilung XIV, die direkt dem Minister für Staatssicherheit Erich Mielke unterstellt waren. Sie kontrollierten sämtliche Ermittlungsabteilungen und Untersuchungshaftanstalten in den 15 DDR-Bezirken und leiteten deren Arbeit an. Der Ort bildete eine Art Zentralstelle kommunistischer Repression in Ostdeutschland. Die Untersuchungshaftanstalt befand sich in einem militärischen Sperrbezirk, der von der Außenwelt hermetisch abgeschlossen war.“

1990 wurde das Gefängnis geschlossen. Aber es soll immer noch unbelehrbare ehemalige Stasimitarbeiter und DDR-Bewohner geben, die behaupten, wer hier gesessen habe, sei ein Verbrecher. Unfaßbar!

0 Antworten zu “Urlaub in Berlin, Gedenkstätte Hohenschönhausen

  1. Gut recherchiert!
    Mich haben damals (ich war da nicht, aber es gab Teile davon in einer anderen Ausstellung zu sehen) am meisten die Staubtücher „fasziniert“, bzw. entsetzt, das waren herkömmliche Staubtücher, die man bei den Verhören auf den Sitz legte, auf denen der Gefangene saß. Sie nahmen dann seinen Geruch an und wurden in Weckgläsern aufbewahrt, bei Fluchtversuch konnte man mit dieser Geruchsprobe Hunde auf ihn hetzen.
    Einen läuft’s echt eiskalt über. Und überhaupt Schlafentzug, damit hätte man mich schon nach 2 Tagen so weit, daß ich alles unterschreibe.
    Und immer höre ich dann Mielke, wie ein Hohn, „Aber ich liebe euch doch alle!“
    Hast du mal „Ich war der Staatsfeind Nr. 1“ gelesen? Kann ich nur empfehlen, das rundet dann die Sache ab.

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  2. Stimmt, die eingeweckten Geruchsproben, wirklich völlig pervers.
    Ich habe mir bei dem Besuch auch gedacht, das hätte ich wohl kaum lange ausgehalten und innerhalb kürzester Zeit meine Oma angeschwärzt, auch wenn die gar nichts gemacht hätte.
    Danke für den Buchtipp, muß ich mir mal besorgen.

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  3. Ich glaube auch, alleine wirklich die ganze Nacht brennt das Licht und du darfst nur auf dem Rücken liegend schlafen usw.. Entsetzlich.
    Das Buch ist starker Toback.
    Ich wohne übrigens nicht weit von Mecklenburgs damaligem Horrorgefängnis. (etwa 20 km von hier) Wer dort einsaß, machte Ähnliches mit.

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  4. Bedrückend, was du referiert hast und was die Bilder sagen. Welch ein Schicksal, wenn man so mit menschlicher Bosheit konfrontiert wird. Ich glaube, den Aufenthalt in diesem Knast vergisst man nie. Ähnlich habe ich mich gefühlt, als ich einmal das aufgegebene Gefängnis im alten Aachen Polizeipräsidium besichtigen konnte. Allein die Enge der Zellen. Dieser Knast war gewiss auch in der Nazizeit genutzt worden. Man hat das Gefühl, dass die Mauern verseucht sind von all dem Elend, das sie geschluckt haben. Dazu gibt es auch Bilder, als kommentiertes Gif unter diesem Eintrag: http://abcypsilon777.blog.de/2008/10/06/staatsgarantie-rollende-koepfe-4829506/

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  5. Solche Knäste sind in meinen Augen immer unmenschlich, ganz egal, was jemand getan hat. Daß die Kommunisten ihre Gefangenen fast in gleicher Form behandelt haben wir vor ihnen die Nazis, sollte ihnen eigentlich zu denken geben.
    Die Atmosphäre da ist sehr bedrückend, allein diese hohe Zahl der Vernehmungszimmer, der typische Bohnerwachsgeruch, der deutsche Gründlichkeit ausdünstet – ehrlich gesagt kann man das gar nicht dicht an sich heran lassen, selbst der Führer unserer Gruppe witzelte immer wieder ironisch über das, was ihm angetan wurde.
    Die Bilder aus dem Aachener Knast geben noch einen zusätzlich finsteren Eindruck, weil da nichts renoviert ist. Gibt es das Polizeipräsidium noch?

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  6. Hey,
    ich habe die Gedenkstätte selber besucht und es ist wirklich nur zu empfehlen!
    Ich weiß nicht ob es immer noch so ist, aber als ich die Führung dort hatte, wurde sie von ehemaligen Häftlingen gemacht, die einem noch einem noch eine ganz andere Blickweise auf die Dinge ermöglicht haben. Damals wurde mir erzählt, dass die Staatssicherheit sogar einmal eine ganze Schulklasse eingesperrt haben soll, weil sie anderer Meinung war als der Lehrer.
    Außerdem gab es bzw. gibt es ja das Gerücht, dass man während man auf das Verhör warten musste von hinten mit Radioaktiv bestrahlt wurde. Angesichts der anderen Foltermethoden kann ich mir gut vorstellen, dass es sich dabei nicht nur um ein Gerücht handelt. Man hat einfach nur noch nicht die entsprechenden Beweise gefunden.
    Ich finde den Artikel sehr gelungen und vor allem wichtig, dass darüber gesprochen wird. Denn so etwas sollte niemals in Vergessenheit geraten.

    LG

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  7. Stimmt, man hat in einzelnen Räumen, in denen Häftlinge stndenlang warten mußten, versteckte Röntgengeräte gefunden – allerdings nicht in diesem Knast, das war in anderen Gefängnissen. Ungerheuerlich! Wie kann man sich etwas so Menschenverachtendes ausdenken?

    Ja, auch unser Besucherführer war ein Ex-Häftling und hat ausführlich erzählt. Du hast ganz recht, diese Gedenkstätte ist wirklich sehr wichtig.

    Liebe Grüße

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