Stadion

Diese Musik- und Bild-Collage machte ich ganz zu Anfang meines Blogs, einerseits, um Bilder des Stadions zu dokumentieren, andererseits, um zu zeigen, daß die eigentlichen sakralen Bauwerke der Gegenwart nicht mehr Kirchen sind, die ja unter einem ständig zunehmendem Besucherschwund zu leiden haben, sondern, überspitzt gesagt, Großarenen, in denen nur einer Sportart gehuldigt wird, dem Fußball. Die oft zig-tausendköpfige Gemeinde pilgert, angetan mit speziellen Schals, Fahnen und anderen quasireligiösen Emblemen und nicht selten unter Einfluß berauschender Substanzen, an bestimmten Tagen zum Ort der Verehrung, dort werden gemeinsame Rituale und Gesänge zelebriert, bis man sich geläutert (oder auch nicht) wieder auf den Heimweg macht, wobei man sich schon auf die nächste Zeremonie freut. Nüchtern betrachtet wirken die Großarenen nicht nur – wegen ihrer Architektur – großartig, sondern auch – und auch damit durchaus vergleichbar mit den althergebrachten Kathedralen – einschüchternd und größenwahnsinnig: Wieviel Energie aufgebracht wurde für ein Gebäude dieser monumentalen Größe, das meistens leer steht, und für einen Anlaß, der der Vernunft so fern ist wie die Bundesliga dem Gesundheitssport!

Die Gleichsetzung Großarena / Kathedrale ist natürlich eine satirische Übertreibung – dachte ich bis zum letzten Wochenende. Da wurde für einen mir bisher unbekannten Sportler, den seine Krankheit und das Unvermögen der Leistungsesellschaft, damit umzugehen, in den Tod getrieben hat, in einem Stadion vor 40.000 Menschen eine Begräbnisfeier abgehalten, fünf Fernsehstationen berichteten live. Daß man nun plant, die großen Barockaltäre aus den Kirchen zu holen, um sie in Stadien wieder aufzustellen, halte ich allerdings für ein Gerücht.

0 Antworten zu “Stadion

  1. Wenn du die Gotteshäuser beleben willst, dann brauchst du eben wieder einmal so einen begnadeten Tourismusmanager, wie den, der damals das Grab des Apostel Jacobus erfunden hat, schau dir Santiago de Compostela an, da ist der Bär los und meilenweit geht man, um dort anzukommen. Ich bin dann mal weg.
    :wave:

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  2. Sport hat doch längst für viele einen religiösen Charakter bekommen. Die Arena auf Schalke hat eine eigene Kapelle, ich möchte nicht wissen, wie viele sich dort trauen lassen wollen und wie viele sich am liebsten unter dem Rasen ihrer Mannschaft begraben lassen würden. Dazu der irrsinnige Fanatismus, die Chorgesänge, das einfach gestrickte Weltbild, das Heilsversprechen (Meisterschaft, Champions League) mit dem dann alles gut gehen wird. So weit her geholt ist das nicht… Interessant finde ich an Deiner Collage übrigens die Mischung aus Pink Floyds Meddle und dem „Pie Jesu“ von Gabriel Fauré. Selbst gemixt? Klingt spooky…

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  3. Genau, vielleicht sollte Hape Kerkeling ein Buch schreiben mit dem Titel „Ich bin wieder da“, in dem er seine lustigsten Erlebnisse im Kölner Dom beschreibt, Rangeleien oder Wortgefechte mit den Domschweizern böten sich an, witzige und interessante Begegnungen mit Touristen aus aller Herren Länder etc., natürlich nicht, ohne geheimnisvoll über die geistliche Atmosphäre des heiligen Ortes zu raunen, welch tiefe Erkenntnisse etc. 😉

    Schönes Wochenende.

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  4. Fehlt eigentlich nur noch der Begriff „Torwart der Herzen“, sagte ich heute nachmittag zu einer Freundin – das sollte eigentlich ein schlechter Scherz sein, aber das steht ganz ernsthaft inzwischen genau so in den Zeitungen! Kaum zu fassen!

    Ja, die Musik ist selbst gemixt, gefällt mir auch immer noch, nur die Bilder wechseln ein bißchen zu schnell, das würde ich heute anders machen.

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  5. Wirklich beindruckend, wie du Pink Floyd und Gabriel Fauré gemischt hast. Obwohl in den Stadien Massenveranstaltungen stattfinden, sitzen in Wirklichkeit viele einsame Menschen auf den Bänken. Ohne Zuschauer, nur die leeren Bänke betrachtend und dabei die Musik hörend, kommt die ganze Einsamkeit und Trostlosigkeit, die viele in diesen Massenarenen fühlen, zum Vorschein.

    Die Nachrichten vom Tod des besagten Fußballers drangen auch nach Fernost. Verschiedene Menschen in Seoul sprachen mich an, ob ich seinen Namen kenne. Ich muss gestehen, dass ich ihn nicht kannte (lebe wohl schon zu lange nicht mehr in Deutschland.) Sein Tod war Thema in den koreanischen Nachrichten und in BBC-World, das sich eigentlich nicht sehr ausführlich mit Deutschland befasst. Diesmal übertrug der Sender sage und schreibe mehrere Minuten das Requiem: ein großes deutsches Stadion, englische Gesänge, englische Lieder, schlicht mit Gitarre eingespielt, weinende Fans, Traditionsschwund in Deutschland, das Niederreißen der Grenzen und Nationalitäten, untermalt mit der Allgegenwart der Lingua franca. Die BBC-Zuschauer sind wohl angetan gewesen.

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  6. Merkwürdig, wie manche Ereignisse hochgespült werden. Jedes Jahr gehen in Deutschland ca. 10.000 Menschen in den Freitod, und man darf wohl annehmen, daß hinter jedem Suizid eine dramatische Geschichte steht. Wieso dann dieser eine eine solche Massenwirkung hat – tja, da scheint wohl ein gewisses Bedürfnis nach gemeinsam erlebten „großen“ Gefühlen durch. Trauerkitsch, ich finde das eher ein wenig ekelig.

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  7. Trauerkitsch, das ist ein treffendes Wort. Im Fall Enke gab es in Reihe derart viele Geschmacklosigkeiten, das wäre glatt ein Grund, sich zu entleiben. 😉
    Deine Gleichsetzung der Fußballarenen mit den mittelalterlichen Kathedralen ist treffend. Es spielen dort schließlich die Fußballgötter. Stirbt ein Fußballgott, muss er gebührend betrauert werden. Das Geschehen ist freilich nicht absurder als jede andere Form der Religionsausübung.

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  8. Das stimmt, allerdings mit dem Unterschied, daß die mediale Vermittlung von althergebrachter Religion sich meist auf das „Wort zum Sonntag“ beschränkt. Die Fußballreligion ist allgegenwärtig.

    Ich hatte schon mal den Verdacht, das Fernsehen bauscht diese Ereignisse nur deshalb so auf, damit die Aposteln Jauch und Kerner am Ende des Jahres Stoff und Bilder für den Jahresrückblick haben – emotional aufgeladene Geschichten machen sich so gut zur Weihnachtszeit. 😉

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