In Regensburg gibt es Geschlechtertürme, die kannte ich bisher nur aus Italien. Geschlecht ist hier im Sinne von Sippe/Familie/Clan zu verstehen. Wenn ein wohlhabender Regensburger Händler im Mittelalter seine Waren vor Diebstahl schützen wollte, lagerte er sie in einem Turm, dessen erster Stock nur durch eine Leiter erreichbar war, die einfach nach oben gezogen wurde, um die Güter unberechtigtem Zugriff zu entziehen. Je höher der Turm, desto mehr Waren und damit einhergehend, auch mehr Renommee des Händlers. Das machte die Konkurrenz neidisch, das wollen wir erstmal sehen, wer hier den Längsten hat, mag der Nachbar gedacht haben und setzte ein weiteres Stockwerk auf seinen Turm, was dann den nächsten neidisch machte, und so wuchsen die Türme in die Höhe.
Ein weiteres Angebergebäude kann man besichtigen, wenn man mit dem Ausflugsschiff die Donau hinabfährt: Die Walhalla. Völlig verrückt, wie da ein griechischer Tempel (dem Parthenon in Athen nachempfunden) in den bayerischen Wäldern steht.
Ludwig I., König von Bayern, hat die Walhalla 1830-42 erbauen lassen (nicht zu verwechseln mit dem Märchenkönig Ludwig II.), eine Ruhmeshalle, die die deutsch-germanischen Personen rühmen soll, die von besonderer Bedeutung waren und sind.
Innen findet man inzwischen 130 Büsten und 65 Gedenktafeln: Komponisten, Philosophen, Schriftsteller, Adelige, Militärs, eben alles, was Rang und Namen hat und mindestens 20 Jahre tot ist (die Liste findet man hier). Ihr könnt auch mich vorschlagen, wenn es soweit ist, der Bayerische Ministerrat entscheidet dann über die Aufnahme.
Turnvater Jahn neben Franz Schubert – die Nachbarschaft ist manchmal etwas willkürlich.
Und was macht Gollum hier? Ist der auch aus Deutschland? *räusper* Etwas mehr Ehrfurcht, Herr Videbitis! Das hier ist eine ernste Angelegenheit. Gut, das ist natürlich Immanuel Kant, den kennt doch jeder.
Zwischen den mächtigen Säulen hat man einen guten Blick auf die Donauumgebung.
Die Idee dieses Gebäudes ist vor dem Hintergrund der politischen Situation im 19. Jahrhundert zu sehen: Die Sehnsucht, aus den vielen deutschen Kleinstaaten ein einheitliches Gebilde zu machen, war groß, und so kam es oft zu einer Überbetonung alles Deutschen. Dennoch erscheint mir die Ruhmeshalle größenwahnsinnig und ist somit unfreiwillig wahrscheinlich kein schlechter Repräsentant dessen, was später alles in deutschem Namen angerichtet wurde.
Wer aus der Walhalla heraustritt, soll sich „teutscher“ fühlen als vorher, so war der Plan, die geballte Konfrontation mit den deutschen Größen sollte den Nationalcharakter bilden. Nationalcharakter ist ein merkwürdiger Begriff, ich vermute, daß es sowas gar nicht gibt, aber wenn man ihn finden will, sollte man eher in der Kleingartenverordnung des Schrebergartens am Fuße des Hügels suchen als in der Ruhmeshalle.