Liebe Leute, nutzt das Wochenende, der Sommer neigt sich seinem Ende entgegen. Schnell nochmal in die Sonne und die natürliche Wärme und ein kühles Getränk genießen – in den Supermärkten fängt der Weihnachtsterror schon wieder an. Am Rhein ist Büchermarkt, mal sehen, vielleicht mache ich mir ein frühes Weihnachtsgeschenk.
Schlagwort: Köln
Jahnwiese
„Tschöhööö!“ wie es auf gut kölsch heißt – und viel Glück, möchte man hinzufügen, bei dieser Omnibusbesatzung. Neulich war in der Stadt ein sogenanntes Heißluftballonfestival, bis zu 60 Ballons sollten gleichzeitig in den Himmel steigen.
Es gibt auch kleinere Körbe, aber ob das deswegen sicherer ist? No risk, no fun! – aber auch mit Fallschirm wäre das nichts für mich.
In die Luft gegangen (also aufgestiegen) sind dann bloß sechs Ballons, die anderen mußten wieder einpacken: Das Wetter war hervorragend, aber zu wenig Wind, der zudem noch Richtung Innenstadt und Flughafen wehte. Und es ist wohl kein Vergnügen, wenn man etwa auf der Domplatte landen muß. Also nicht ganz unvernünftig, diese Leute.
Eigelstein (2)
Ein Blick nach links, ein Blick nach rechts scheint alles normal zu sein, ein Cabrio macht noch kein Gaunerstück. Das Eigelsteinviertel liegt hinter dem Bahnhof, also jenseits der Schauseite. In den 60er Jahren sollen 5000 Prostituierte hier ihrem Gewerbe nachgegangen sein, Zuhälter und (andere) Kriminelle sorgten für ein entsprechendes Milieu. Irgendwann hat man den Straßenstrich in der Innenstadt verboten, Bordelle geschlossen, die Gegend saniert und überall schön Poller aufgestellt, und seit spätestens den 90ern schien alles proper zu sein. Seit Neuestem ist aber wieder alles auf der Kippe, wenn man der Tageszeitung glauben kann: Der Straßenstrich floriert trotz Verbots, Spielhöllen und Fachgeschäfte für Muskelaufbauhilfen scheinen Kriminelle anzulocken (??), Drogen- und Menschenhandel greifen um sich, Schlägereien am hellichten Tage sind keine Seltenheit, und alles ist angeblich in der Hand der bulgarischen Mafia.
Und was machen die Behörden? Zitat Tageszeitung: Fischverkäufer Özüak Ozan hatte kürzlich Besuch vom Ordnungsamt: Während vor seinem Laden Zuhälter und Dealer demonstrativ und unbehelligt die Straße in Besitz nehmen, schreiben ihm städtische Beamte eine Knolle über 45 Euro. Mein Inhaberschild hing nicht im Fenster. (KStA, 19.04.10) Ein Stadtviertel auf dem Weg in den Absturz, so die Tageszeitung. Tatsächlich hat die Polizei hier kürzlich eine Personenkontrolle durchgeführt, von 200 hatte einer keine Aufenthaltserlaubnis, ein anderer hatte verbotene Substanzen in der Tasche, das wars
Die Eigelsteinstr. ist vor 2000 Jahren eine römische Heerstraße gewesen, ein Weg, den die römischen Soldaten gehen mußten, wenn sie nach Xanten wollten, der nach Köln zweitwichtigsten römischen Siedlung in Germanien. Am Wegesrand wurden die verstorbenen Helden begraben und zu ihrem Ruhm große Grabdenkmäler aufgestellt, die mit dem Wappentier des Heeres, einem Adler (lat. Aquila) gekrönt waren. Aus Aquila wurde Eigel, ein Eigelstein ist also ein römisches Grabmal, oder auch, in der Bedeutungserweiterung, eine römischer Befestigungsturm (in der Ortschaft Igel (!) bei Trier kann man noch so ein Grabmal bewundern). Heute ist die Straße geprägt durch relativ viele Einzelhandelsgeschäfte, hier und in den Nebenstraßen gibt es u.a. gute türkische und italienische Imbisse und Restaurants.
Am anderen Ende der Eigelsteinstr. trifft man auf die Eigelsteintorburg, eines der drei erhaltenen mittelalterlichen Tore, die der Schleifung der Stadtmauer Ende des 19. Jahrhunderts entgangen sind. Sie beherbergt die Offene Jazzhausschule, wo besonders Kinder und Jugendliche Musikunterricht nehmen können.
Einmal im Jahr treten die Gruppen auf dem anschließenden Platz auf und feiern ihre Erfolge. In der übrigen Zeit stellen die zahlreichen gastronomischen Betriebe ihre Stühle nach draußen wie es aussieht, werden hier nur legale Drogen verköstigt. Bei vielen Kölnern gilt dieser Platz als der schönste der ganzen Stadt.
Eigelstein (1)
Sonntagnachmittag: Gerade sitzt man noch im Hof vom „Weinhaus Vogel“ im Eigelstein (die Straße heißt so) und ißt eine leckere hausgemachte Erbsensuppe, da schüttet es wie aus Eimern. Die Leute am Nachbartisch hatten gut Lachen unter der Markise.
Auf den Begriff Weinhaus wäre man von selbst nicht gekommen, alles sieht nach einer typischen Veedelskneipe mit Brauhaustouch aus: Die Gäste essen gegrillte Schweinshaxe oder rheinischen Sauerbraten und lassen große Mengen Kölsch in sich hineinlaufen – eine Gruppe Rentnerinnen singt und wankt dabei gefährlich, aber ans nach Hause gehen ist nicht zu denken, es regnet! Froilein, noch’n Kölsch!
Westfriedhof
Köln hat über 55 Friedhöfe. Der Westfriedhof (52 ha) ist einer der fünf Großfriedhöfe und wurde, wie drei andere, zur Entlastung des ältesten und zentralen Melatenfriedhofs angelegt. Um 1900 wuchs die Stadt enorm, um sich greifende Industrialisierung und die Eingemeindung vieler umliegender Dörfer spülten Menschen in die Stadt und riefen mit ihnen natürlich auch den Bedarf an zusätzlichen Begräbnisstätten hervor.
Da der Westfriedhof, ab 1917 bezugsfertig, alle Funktionen vom Melatenfriedhof übernehmen sollte – es war geplant, hier keine Neugräber mehr zuzulassen – wurde er großzügig mit breiten, befahrbaren Wegen angelegt. Schon nach kurzer Zeit wurde das Begräbnisverbot auf Melaten aber wieder aufgehoben – wer was auf sich hält, will zentral neben den Honoratioren liegen, die anderen Großfriedhöfe sind für die Massen.
Und das ist auch der Grund, warum es hier nicht so viele aufwändig (und teuer) gestaltete Gräber gibt. Ein paar Skulpturen findet man hier aber auch, zum Beispiel diese, die in den Himmel zeigt, also dahin, wo wir nach christlichem Glauben alle kommen, gleichberechtigt und nebeneinander, egal, auf welchem Friedhof unsere körperlichen Überreste begraben werden – vorausgesetzt natürlich, man ist nicht reich gestorben, oder paßt ein Kamel inzwischen durch ein Nadelör?
Manchmal sind die Gräber bunt, das ist aber eher selten …
… so wie auch moderne Skulpturen eher rar sind, eindeutig haben kleine kitschige Gipsengel die Vorherrschaft.
Diese eindrucksvolle Skulptur von Ossip Zadkine heißt „Die Gefangenen“ und gedenkt der Opfer der Nazibarbarei …
… die auch hierfür verantwortlich ist: Soldatengräber.
Ruhig und großzügig angelegt, sehr schön, nur leider etwas weit draußen. Ich bevorzuge auch den Melatenfriedhof – aber nur zum Spazierengehen.
Müngersdorf (teilweise)
Den Stadtteil Müngersdorf kennen viele, weit über die Stadtgrenzen hinaus, auf diesem Platz allerdings, an dem das Weinlokal-Café „Vini diretti“ liegt, war vermutlich bisher kaum ein auswärtiger Besucher: Das 45.000 Fans fassende Fußballstadion, das heute nach einem der großen Energiewucherererzeuger benannt ist, liegt auf der einen Seite der Ausfallstraße, auf der anderen das beschauliche Wohnviertel. Das Lokal hat ausgezeichneten Kaffee, leckere kleine Küchlein, und der Wein ist bestimmt auch gut, es war zu früh, ihn zu probieren.
Da geht’s übrigens hoch, um den kleinen Platz zu erreichen, vorbei an der neuromanischen Kirche mit markantem Doppelturm – ein riesiges Gebäude für ein kleines Viertel (Demut, Hochmut – darüber sollte man sich angelegentlich mal Gedanken machen als Christ – nicht mein Bier also).
Dieses bescheidene Gebäude ist etwas ganz Besonderes. Und das ist der Grund:
Jaah – *räusper* gut, Heinrich Böll war ja nun auch kein Architekt, sondern Schriftsteller, ich habe seine Bücher immer sehr gern gelesen. Und der Baum ist wirklich schön.
Abendbummel am Rhein
Samstag war an einem kleinen Stück des Rheinufers wieder mal Rummel – klein nur, jede Menge Freß- und Trinkbuden, Verkaufsstände mit Lederwaren, Plüschtieren und was in China sonst noch so hergestellt wird – und eine Fotobude.
Das ist mal was Neues: Interessenten können historische Gewänder überstreifen und sich fotografieren und ein Sepia-Bild ausdrucken lassen. Das scheint beim Publikum sehr gut anzukommen, das Gelächter am Stand ist groß (wer will: Das Bild in Farbe).
Wenn man nach ein paar Bieren die Bühne mit furchtbarer Musik und dichtgedrängtem Volk hinter sich gelassen hat, läuft man am Rande der Altstadt mit ihren (gefühlten) tausend beleuchteten Restaurants mit gut besuchten Außenterassen entlang, bis es hochgeht zum Heinrich-Böll-Platz …
… am Museum Ludwig, das um diese Uhrzeit schon geschlossen hat. Im Café poliert noch jemand das Besteck und wartet darauf, das die letzten Gäste endlich ihre Gläser leeren. Unter dem Platz ist übrigens die Philharmonie, aber zu Zeit läuft keine Aufführung, sonst wäre der Platz nämlich gesperrt.
Ein paar Schritte weiter steht an der Südseite des Doms der neue Petrusbrunnen – was heißt hier neu, eigentlich ist er von 1870, hat aber die letzten 11 Jahre im Depot verbracht. Damals wurde er nach einer Spende von Königin Augusta aufgestellt, allerdings zuerst ohne Wasserleitung, später mit nur geringem Wasserdruck. Der Volksmund erfand schnell einen passenden Namen: „Drüjje Pitter“ (trockener Peter), dem er offensichtlich auch heute noch entspricht … vielleicht ist die Wasserleitung aber auch nur in den Abenstunden abgestellt, ich habe gelesen, daß Netcologne sponsort.
Beach Club
Direkt an den Rheinterrassen am Deutzer Ufer liegt der „km 689 COLOGNE BEACH CLUB“ – für 4 Euro Mindestverzehr darf man auf 3.500 m² Sand laufen, klebrige rote Bullen-Drinks schlürfen an drei Bars, auf einer der 550 Liegen liegen und sich von den Spaziergängern begaffen lassen – nachts sogar mit Beleuchtung. Ständig läuft Chillout-Musik – wer nicht weiß, was das ist: Musik, wie man sie in Kaufhausfahrstühlen hören kann, mit leichtem Technoeinschlag. ‚Chillout‘ oder ‚chillen‘ bedeutet Entspannen und Abhängen – niemand, der hier ist, macht den Eindruck, je angespannt gewesen zu sein, weshalb es wohl hauptsächlich ums Zweite geht. Und wer Knutschen will, legt sich ins Himmelbett. Oder wieso stehen die da? Wie auch immer: Das Versammlungsbedürfnis einiger Leute von heute nimmt befremdliche Formen an – Zeiten ändern sich.