Berliner Luft (3): Hansaviertel

Wenn man am Hansaplatz aus der Bahn aussteigt, befindet man sich unversehens vorm Grips-Theater, das Stücke für Kinder und Jugendliche aufführt. Ich habe mal die Aufführung des Stücks „Was heißt hier Liebe“ gesehen, das in den 70ern wegen seines unbefangenen Umgangs mit dem Thema Sexualität einen Skandal verursachte. Ich fand es großartig.

Am selben Gebäude hängt diese Erinnerungstafel: Hier hat Kurt Weill mal gewohnt – und ich war jetzt auch hier, toll, Kurt Weill und ich, an der selben Stelle! Das Haus ist allerdings erst von 1957 … Ich sah mal ein Schild, auf dem stand: Hier kotzte Goethe. Das ist doch gut zu wissen, und wenn einem zufällig auch gerade schlecht ist, kann man ein bißchen würgen und schon hat man was gemeinsam.

Das Hansaviertel war nach dem 2. WK größtenteils zerstört, also organisierte die Stadt 1956/57 eine Internationale Bauaustellung, kurz Interbau genannt. 53 Architekten aus 13 Ländern setzten ihre Ideen um, zu denen solche interessanten Experimente gehörten wie oben …

… und zusammenhängende Bungalows, die nach außen relativ abgeschottet sind, aber einen gemeinsamen Innenhof haben (sollen, den haben wir natürlich nicht gesehen) …

… aber auch solche Prachtstücke.

Tja – irgendwie mußte man die Leute unterbringen. Außerdem dachte man sich nichts Böses dabei. Die Idee des Architekten Le Corbusier, massenhafte Behausung als „Wohnmaschinen“ zu planen, galt als architektonisch und sozial fortschrittlich. Tatsächlich weiß ich nicht, wie da die Wohnqualität ist – sind sie Häuser gut gepflegt, die Wohnungen groß genug und gut schallisoliert, ist sie vielleicht gar nicht schlecht.

Es ist nicht weit zur Haltestelle Bellevue, ein paar Meter weiter, direkt an der Spree ist das Café Buchwald, von dem wir im TV gehört hatten, und das berühmt ist für seinen Baumkuchen, dem „König der Kuchen“, wie es in einem Prospekt heißt.

Ein Oma-Café, wie man es sich schöner kaum wünschen kann – das tut mal ganz gut als Kontrast zu diesen ganzen trendigen Cafés in Kreuzberg, in denen man von Glück sagen kann, wenn man das bekommt, was man bestellt hat. Keine Musik, eine Bedienung, die einen zur Kuchentheke begleitet und fachmännisch berät – ich glaube, ich werde immer konservativer.

Der Baumkuchen schmeckt anders als der, den ich sonst schon gegessen habe: Unter anderem nach Marzipan und Aprikosenmarmelade, alles fein aufeinander abgestimmt, sehr lecker – und sehr teuer. Gut, man war Hoflieferant seit 1900, das wird nicht jeder, und heute verschickt man sogar nach Japan. Also: Nicht unbedingt jeden Tag, aber immer mal wieder kann man da gut hingehen.

Fortsetzung folgt.

20 Antworten zu “Berliner Luft (3): Hansaviertel

  1. Servus!

    Was mir beim Gesamtüberblick sofort ins Auge stach, ist dieses Kaffegetränk
    im letzten Foto. Ich dachte spontan auch an „Strullerflecken im Schnee“..;-D
    (Die sollten den Milchschaum besser nicht in dieser Form dekorieren.)

    Ich warte ja schon lange darauf, dass du mal eine unscheinbare
    Spiegelung in deinen Fotos übersiehst. Ein paar wenige Fotos waren
    schon nahe dran. Photoshop-Werkzeuge sind da sehr nützlich.
    (Invertierung / Kontrast etc.) Irgendwann seh ich dich..;-)

    Seinerzeit hat Annette Humpe („Ideal“ / ’80) Berlin besungen.
    ….. 🎶 http://tinyurl.com/zgqdrjm 🎶 …..
    Vertonter Zeitgeist. (Text/Gesang/Takt)

    Gruß aus der guten Stube!

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    • „Don’t eat the yellow snow“ von Frank Zappa hätte hier auch gut gepaßt.;-) Hier kann man ganz genau erkennen, Watson, daß der Kaffe nicht handgemacht ist, sondern komplett aus einem Kaffeevollautomaten kommt. Geschmeckt hat er trotzdem – oder auch: Gerade deswegen; wenn ich daran denke, was man früher manchmal für eine Plörre bekommen hat, als der Kaffee noch aus einer Kaffeefiltermaschine kam …

      Hier war es einfach, der Spiegelung aus dem Weg zu gehen: das Café legt im Hochparterre, ich mußte also etwas nach oben fotografieren. Normalerweise passe ich immer auf, daß meine Birne nicht stört im Bild, ich habe sie sogar schonmal wegretuschiert.

      Auch schon wieder 35 Jahre her, dabei kommt’s mir so vor, als wäre es letzte Woche gewesen, als meine Bekannten das tagaus, tagein hörten.

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      • Bonsoir Monsieur!

        Auf Frank Zappa bin ich nicht gekommen.
        Merci für die „Verknüpfung“!..;-)

        Es muss ja nicht unbedingt ein Fassadenfenster sein. (Spiegelung) Es reicht auch eine glänzend glatte Oberfläche. Also achte künftig darauf. Irgendwann wirst du aber unachtsam sein. Das ist menschlich..;-)

        Einen Leichtsinnsfehler habe ich auch schon wieder im ersten Kommentar entdeckt. Kruzefix!..;-) Siehe „Kaffe(e)getränk. Beruhigend ist, dass in deinem Kommentar auch ein zweites „e“ fehlt. (zweite Zeile) Zumindest aktuell..;-)

        Stell dir nur vor! Ich habe neulich gelesen, dass Filterkaffee wieder trendy ist. Die Hipster haben die Nase voll von Latte Sowieso. Jetzt wird gediegen, handgefilterter Bohnenkaffee geschlürft! Haha.
        Ich selbst praktiziere das seit Jahrzenten so. Gute Arabica-Bohnen frisch mahlen, Glaskanne und Porzellanfilter, heisses Wasser. (Ungebleichte Papierfilter) Eine andere Zubereitung kommt für mich nicht in Frage. (Fertig abgepacktes Plörre-Pulver, Kaffeemaschinen-Getröpfel und Wucherkapseln sowieso nicht.)

        Kurz noch zu „Ideal“: Besitze tatsächlich noch die Vinyl-LP. Erworben etwa ’81. Da war’n wir noch jung, Kollege..;-)

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          • Bonsoir!

            Willst du mich jetzt veräppeln, oder meinst du das ernst?..;-) Ich mahle mit einer elektrischen
            Kaffeemühle. (Mahlgrad ist einstellbar.) Auf diese Art von Nostalgie (Kurbelmühle) verzichte ich gerne.
            (Als Küchendeko gibts aber tatsächlich eine. In der Pulverschublade lagert diverser Krimskrams..;-D Sie funktioniert. (Bei Stromausfall schon praktisch. Wo kriege ich aber dann brühend heisses Wasser
            her? Dazu habe ich einen Gaskartuschenkocher. Tricky Tricky, oder?!..;-)

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            • Aber nein – ich habe selbst noch eine. Irgendwann ist es mir zu mühsam geworden und ich habe mir eine elektrische gekauft, allerdings nicht so ein edles Teil, wie Du es hast, bei mir mahlt sie so lange, wie ich auf den Knopf drücke, ich zähle immer mit. Die Handmühlen sind weiter verbreitet als man glaubt, in der Berliner WG, die ich immer besuche, muß ich auch kurbeln.

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  2. …da ich eine Freundin hatte, die am Gripstheater abreitete, sind wir dort sehr oft Gast gewesen während und nach der Vorstellung…mein kleiner Sohn und ich waren sehr angetan von den Stücken und ich fand, sie hatten dort ein gutes Team, damals spielte Axel prahl noch den Schulbub auf der Bühne, sehr sympatisch…

    …und Kurt Weill wurde nur 50 Jahre alt, das wusste ich nicht, ein großer Komponist…

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  3. Immer wieder staune ich, in welche Ecken Berlins du dich so „verirrst“. Witzig natürlich das Oma-Café als Gegentrend zu den Szene-Cafés. Vielleicht eine neue Strömung? Und statt ausgefallener Namen heißen sie dann wieder „Das kleine Stübchen“ oder „Ursel’s Ecke“. Behagliches Ambiente, leicht überheizt und Klassik-Muzak aus den Lautsprechern. Und: Jeder siezt jeden.
    Gestern sah ich in town eine Kneipe, die direkt neben einem Ärztehaus lag, ihr Name: „Zum Wartezimmer“. Wie originell. Davor ein Mural mit drei freundlichen mundbeschützten Herren in grün, die sich über einen beugen. Hoppla. Das Wohnviertel in dem das ganze liegt, kommt an das Hansaviertel schon nahe dran. Komisch, nicht, daß immer über die Ostplatte geschimpft wird, die im Westen war auch nicht besser und nicht weniger, man blicke nur nach Spandau. Brrr…

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    • In einem Kreuzberger Café bestellte ich zwei Brötchen, Butter, Marmelade und ein weichgekochtes Ei, das ist doch nun wirklich nicht schwer. Ich bekomme einen Brotkorb mit Brot vom Vortag und kein Ei. Ich sage: Das habe ich nicht bestellt. Sagt die Bedienung: Ok, und nimmt alles wieder mit. Zwei Minuten später steht die Küchenchefin vor mir und erklärt mir, es gebe bei ihnen nie Brötchen. Wenn ich bei der Bedienung eine Fahrkarte nach Buxtehude 1. Klasse bestellt hätte, hätte sie wahrscheinlich auch ok gesagt und die Bestellung an die Küche weitergegeben. In einem anderen Café bekomme ich lauwarmen Kaffee, und als ich mit dem Glas der Bedienung hinterherlaufe, grinst sie mich an und sagt, ohne gefühlt zu haben: Nicht heiß genug, was? Als dann das Müsli mit Joghurt und Früchten ohne Müsli gebracht wurde, dachte ich, die machen einen Test mit uns, wir sind Teil einer Studie zum Aggressionsverhalten mißhandelter Caféhausgäste.

      Klar, wir gucken uns alles an. Das Hansaviertel ist nicht weniger interessant als meinetwegen der Prenzlauer Berg, mit dem Unterschied, daß ich zum Hansaviertel wohl kein zweites Mal hinfahren werde.

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      • Erstaunlich. Vor allem, wenn man bedenkt, daß du ja nicht jede Woche dort bist.
        Mir ist all dies noch nicht einmal passiert, weder in Berlin noch sonstwo.
        Neulich hatte ich mal einen Neuling in einem Café, da mußte ich einen Brotkorb nachordern, den hatte er vergessen und auf der Rechnung stand hinterher was drauf, das ich nicht bestellt hatte, aber das war eindeutig jemand, der gerade neu eingearbeitet wurde.

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  4. Die Bungalows kamen mir bekannt vor, ähnliche Modelle habe ich auch schon an anderen Orten gesehen. Und mir kommt ins Gedächtnis, vor nicht allzu langer Zeit einen TV-Bericht gesehen zu haben, in welchem, meine ich mich zu erinnern, Plattenbauten zurückgebaut werden, bis nur noch Bungalows dieser Art überbleiben.

    Das erste Haus gefällt mir ganz gut, sehr eigenwillig und mit Charakter. Ich würde nur andere Farben wählen^^

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    • Ich habe auch mal einen Bericht gesehen, in dem die Bewohner von Plattenbauten interviewt wurden, vielen gefiel es dort recht gut, die wollten da nicht raus.

      Welche Farbe würdest Du wählen?

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      • Ich glaube, den hab ich auch gesehen; da klingelt was bei mir. Galileo? *am kopf kratz* Mir ist ein älteres Ehepaar im Gedächtnis geblieben, deren Wohnung echt übelst schön war, und das in’ner Platte.

        Ich würde dunkles Grau mit Grün kombinieren, allerdings nur für die Details. Das Haus an sich würde ich auch wieder weiß lassen.

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