Nach der Anzahl und Größe der Kirchen zu urteilen, ist man hier sehr gläubig – gewesen, denn die Kirchen sind schon alt. Früher, im Mittelalter, war der Glaube ein Angstglaube, die Leute fürchteten die schrecklichsten Strafen, wenn sie sich nicht an die Ge- und Verbote hielten, die die Pfaffen ihnen eintrichterten.
Das hielt sie natürlich nicht von Gräueltaten ab, wenn es ihnen selbst nutzte, zum Ausgleich bauten sie dann eben noch eine Kirche: Dies ist der Hauptmarkt der Stadt, auf dem in ein paar Wochen wieder der weltberühmte Christkindlsmarkt stattfindet. Der Platz war nicht immer einer, hier standen bis 1369 die Häuser der jüdischen Mitbürger. Die Pest grassierte gerade in deutschen Landen, so daß man einen günstigen Anlaß hatte, wegen angeblicher Brunnenvergiftung ein Pogrom durchzuführen, dem ein Drittel der jüdischen Bevölkerung zum Opfer fiel, der Rest flüchtete. Tatsächlich kam die Pest erst zwei Jahre später nach Nürnberg, dafür aber hatte man einen schön großen Marktplatz gewonnen, und Kaiser Karl IV., der die Morde duldete oder gar billigte, setzte eine große Kirche an den Rand des Platzes, dahin, wo vorher die Synagoge stand.
Wieviele Jahre Fegefeuer er glaubte, durch den Bau vermeiden zu können, weiß ich nicht, aber ich vermute, es waren viele.
An einer anderen Ecke des Platzes steht der sogenannte „Schöne Brunnen“, der aussieht wie eine Kirchturmspitze und Ende des 14. Jahrhunderts errichtet wurde. Was man heute sieht, ist allerdings eine Kopie von 1903.
Der Messingring im Brunnengitter ist ein zweifaches Wunderwerk: Er hat keine Naht, und auch die geschmiedete Umgebung, in der er sich befindet, weist keine Löt- oder Schweißstellen auf, man weiß bis heute nicht, wie der Lehrling es geschafft hat, ihn da hineinzubekommen. Um den Lehrling rankt sich folgende Geschichte: Er war scharf auf die Tochter des Meisters, der aber andere Pläne mit ihr hatte, als sie einem armen Angestellten zu überlassen. „Daraus wird ein für allem nichts! So wenig wird etwas daraus, wie du es fertig bringst, dass die Ringe am Brunnengitter sich drehen können!“, soll er ihm gesagt haben. Der Lehrling stellte heimlich das Wunderwerk her und verschwand aus der Stadt. Der Meister war nun untröstlich – „er bedauerte den Rauswurf, und hätte den geschickten Lehrbuben gerne wiedergehabt und ihm auch seine Tochter gegeben, aber es war zu spät und die Margret weinte sich die Augen aus“ (Zitat: Wikipedia).
Machmal nehmen solche Legenden einen merkwürdigen Verlauf, oder? Warum macht der Lehrling das, erst stellt er den tollen Ring her und haut dann ab? Das macht doch keinen Sinn, da stimmt doch was nicht …
Das zweite Wunder: Wenn man es schafft, den nahtlosen Ring genau drei mal um 360° zu drehen, geht ein Wunsch in Erfüllung. Der Ring ist wahrscheinlich der meistberührte Gegendstand der Stadt.
EDIT: Soeben hat mir jemand mitgeteilt, daß der Ring bereits fünf Mal ersetzt wurde. Nichts als Lug und Trug! Genaueres erfährt man hier.
Aber das ist natürlich Aberglaube. Wer es ernst meint mit z.B. seiner Liebe, der hängt hier ein Liebeschloß an die Brücke, das machen ja jetzt alle, wenn auch nicht so schön ordentlich wie hier – man kann die Schlösser auch als Abakus benutzen, dann sind sie nicht ganz sinnlos, sollte die Leidenschaft sich als Enttäuschung erweisen.
Fortsetzung folgt.