Kurzurlaub in Nürnberg (3)

„Erhebet die Herzen!“ – und kein Glatteis kann uns etwas anhaben? Wenn das mal nicht wieder ein Fake ist, so wie die Mär vom Wunschring im lezten Eintrag.

Und wozu sollen wir unser Herz erheben? Um in einer dunklen Kirche von einschüchternder Größe, die uns klar machen soll, was wir für kleine Würstchen sind, zu sitzen. Gut, wenn man dann wenigstens ein paar Sonnenstrahlen abbekommt.

Dabei ist es so einfach, die Stimmung der Leute zu heben, wie hier vor der Kirche St. Laurenz.

Das ist der Namensgeber der Kirche, der Heilige Laurentius, Stadtpatron von Nürnberg und Schutzheiliger der Bibliothekare und Archivare, dessen Anrufung besonders bei Hexenschuß und Ischias hilfreich sein soll. Woran man erkennt, daß er es sein soll? In der christlichen Heiligendarstellung werden die Märtyrer oft mit ihren Marterinstrumenten oder Verletzungen, ihren sogenannten Attributen, dargestellt, damit man sie besser unterscheiden kann. Der Apostel Bartholomäus z.B. trägt gern seine Haut in der Hand, die man ihm bei lebendigem Leibe abgezogen hat. Laurentius wurde auf ein Rost gekettet und über ein Feuer gehängt. Nach kurzer Zeit, so die Legende, soll er den Henker gebeten haben, ihn zu wenden, auf der einen Seite sei er bereits gar – daß ein Mensch Humor hat, merkt man besonders, wenn er in einer Krise steckt.

Apropos Henker: Das ist der Henkersteg, der so heißt, weil gleich daneben der Henkerturm steht, wo der Vollstrecker der Todesurteile gewohnt hat. Das ist eher ungewöhnlich, daß der seine Wohnung innerhalb der Stadtmauern haben durfte, denn obwohl er ein Angestellter des Gerichts war, hielt man seinen Beruf gemeinhin für unehrenhaft und wollte ihn nicht unter sich haben. Die, die die Todesurteile verhängten, galten natürlich als höchst ehrenhafte Bürger.

Ganz in der Nähe ist Kaspar Hauser zum ersten Mal aufgetaucht, auf dem Erinnerungsschild steht: „An dieser Stelle wurde am 26. Mai 1828 Kaspar Hauser erstmals gesehen und von dem am Unschlittplatz 10 wohnenden Georg Leonhard Weickmann angesprochen.“ Aha. Wissen wir das jetzt also auch.

Mit dem Ende des Fischmarktes begann der Lebkuchenmarkt. Der Weihnachtsmarkt ist nicht mehr weit, da kann man schon mal ein bißchen „vorglühen“. Obwohl, an Lebkuchen hat es natürlich in Nürnberg ganzjährig keinen Mangel. Wir waren in einem Lebkuchengeschäft, das den Eindruck einer Apotheke von früher vermittelte: Kaum Waren im vorderen Laden, stattdessen eine lange Theke, hinter der fünf mit irgendwelchen Trachten kostümierte Verkäuferinnen standen, bereit, die gewünschte Ware aus dem Hinterzimmer zu holen – keine Ahnung, was die da für Zutaten hineintun.

An dem Stand gibt es sogar Lebkuchen in Sushi-Form.

Genug geplaudert für heute – im nächsten Eintrag geht’s auf die Burg.

Fortsetzung folgt.

0 Antworten zu “Kurzurlaub in Nürnberg (3)

  1. mal wieder sehr schön deine fotos aus nürnberg.

    zu kaspar hauser kann ich sagen, dass reinhard mey darüber ein sehr schönes lied geschrieben hat, welches ich mal auswendig singen konnte. habe mir vor wochen mal den text aus dem netz gesucht und ausgedruckt. zum phänomen hauser gab es mal einen ähnlichen film von truffaut. der film hieß „wolfsjunge“, den habe ich zweimal gesehen.

    ich muß dir auch gestehen, heute ein wenig „neidisch“ zu sein. gern würde ich auch mal wieder eine kleine reise unternehmen, doch mangelt es gewaltig an finanzen.
    wie as so ist, wenn man aus gesundheitlichen gründen frühberentet ist und deswegen nicht mehr arbeiten darf… live sucks.

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  2. Whow!!! Ich fall um! Das Licht in der Kirche und das beim letzten Foto- große Klasse! Ich finde toll, dass du die kurze Zeit deines Urlaubs genutzt hast, Fotos und Material für dein Blog zu sammeln und uns auf diese Weise buchstäblich bildest. Vielen Dank und noch viele schöne Urlaube seien dir gewünscht – nicht allein aus Eigennutz!

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  3. Oha, irgendwie für mich alles nichts, nichts summt, nichts spricht mich an.
    Zu viele Kirchen, zu viel süddeutsches Flair. Oder ist das nur deine Berichterstattung? Gibt es da auch irgendwas Inspirierendes ohne Christentums-Tamtam und Glühweinseligkeit?

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  4. Danke!

    Über Kapar Hauser ist schon viel spekuliert worden. Der Wikipedia-Artikel ist sehr lang, aber ganz interessant.

    Ja, so ist das: Entweder man hat Geld, aber kaum Zeit zu reisen, weil man arbeiten muß, oder man hat Zeit, aber kann es sich nicht leisten.

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  5. Danke! Das freut mich. Es macht viel Spaß, nicht nur für mich selbst, sondern für das Blog durch Gegenden und Städte zu schweifen und nach Geschichten und Bildern zu suchen. Wenn man mich dafür bezahlen würde, dann würde ich das nur noch machen.

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  6. Mich interessiert alles, selbst wenn ich irgendwas blöde finde oder häßlich oder dumm, einfach, weil es Wirklichkeit ist. Aber dreieinhalb Tage in einer 500.000-Einwohner-Stadt, da ist der Eindruck natürlich völlig subjektiv. Dafür versuche ich, nichts auszulassen von dem, was ich erlebe – vier Einträge folgen noch. Soviel kann ich schon sagen – sowas wie künstlerische-kreative Jugendkultur habe ich nicht gefunden, was aber nich heißt, daß es das nicht gibt.

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  7. Schön, das mit dem Henkersteg. Hat mich -noch vor dem Lesen, nur bei Betrachtung des Fotos- an Sleepy Hollow erinnert, in der ein kopfloser Reiter auf eben solch einem Steg eine kleine Stadt betritt, um sie und ihre Bewohner heimzusuchen. Passt 🙂

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  8. Ja. Das hatte bestimmt eine eindrückliche Wirkung, wenn der Henker morgens frisch gestriegelt und geföhnt mit seiner Aktentasche und seinem Arbeitswerkzeug über den Steg zur Arbeit geht. 😉

    Mit welchen Sinnen hat der kopflose Reiter die Bewohner gefunden und heimgesucht? Wäre es nicht ganz einfach, einen kopflosen Menschen dadurch auszutricksen, indem sich einer hinter ihn hockt, während ein anderer vorne schubst? (- mit sochen Fragen kann man jeden Gruselfilmfan während der Vorstellung in den Wahnsinn treiben).

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