Urlaub, Heidelberg (3)

„Niemals mehr als 10 bis 12 Fotos pro Eintrag, mehr interessiert kein Schwein“, rät mir meine innere Stimme, und normalerweise halte ich mich daran. Heute werden es ausnahmsweise ein paar mehr.

Es ist verwunderlich, wie wenig die Heidelberger aus ihrer Flußlage machen, diese paar Tische bilden den einzige Biergarten am Neckar, den ich hier gesehen habe, mit willkürlichen Öffnungszeiten.

Stattdessen eine vielbefahrene Fernstraße, die den Fluß von der historischen Altstadt trennt. Es gab mal Pläne, die Straße zu untertunneln und oben eine Promenade einzurichten, aber wer soll die Millionen dafür aufbringen? Die Stadt hat kein Geld, wie überall.

Auf der anderen Neckarseite gibt es ein paar Wiesen direkt am Wasser, die im Sommer von Studenten und Schülern genutzt werden. Kioske gibt es nicht, also werden die Getränke und alles andere vom Supermarkt mitgebracht, die Reste läßt man praktischerweise einfach liegen, wie zu Hause auch, wo es allerdings eine Angestellte mit dem Namen „Mama“ gibt, die alles wieder aufräumt und damit einer sozialen Inkompetenz Vorschub leistet, die leider überall in der Öffentlichkeit zu beobachten ist.

Auf dem Weg zum Schloß überrascht uns ein Regenschauer – eine hochwillkommene Abkühlung. Auf ein paar hundert Meter hat man die Fußgängerzone um über die Hälfte abgesperrt, in den ersten Tagen ist nicht ersichtlich, warum, und wir haben die anliegenden Geschäfte in Verdacht, die Passanten näher an die Schaufenster drücken zu wollen. Aber dann haben wir doch noch zwei Arbeiter gesehen mit kreischenden Geräten. Wahrscheinlich hatten sie eine lange Anfahrt aus Schilda.

Ein weitläufiger Schloßpark, sehr schön. Und wohin schauen die Leute?

Nach da, Richtung Stadt. Der Regen hat die Sicht etwas diesig gemacht. Moment – steht da einer?!

Ja, tatsächlich. Auch eine Ruine muß geputzt werden. Später haben wir gesehen, daß er gesichert ist.

In einem Springbrunnen liegt – na, wer wohl? Bacchus, der Gott des Weines und des Rausches? Nee – das soll Vater Rhein sein. Ha! Das finde ich ja fast ein bißchen unverschämt, als Kölner, aber dann denke ich an Karneval und muß zugeben: Eine schmeichelhafte Allegorie.

In der „taz“ habe ich mal ein Foto von einem Fenster mit einem Schild daneben gesehen, auf dem Schild stand: „Hier kotzte Goethe.“ Daß nicht jeder Schritt, den Goethe gegangen ist, mit einer würdigenden Tafel bedacht wird, grenzt an ein Wunder. In Heidelberg war er acht Mal, daß reicht für eine Büste. Man weiß genau, wo er jeweils geschlafen hat.

Das Schloß sieht irgendwie nicht bewohnt aus …

… und ist es auch nicht. Ludwig XIV., der Sonnenkönig aus Frankreich, hat es kaputt gemacht, dann wurde es nur teilweise wieder hergerichtet, damit man die Besucher aussaugen kann: Allein, um auf den Hof zu kommen, muß man 6 € Euro zahlen, eine Besichtigung der Räume kostet nochmal 4 Euro € extra.

Im Gemäuer ist auch ein Apothekenmuseum untergebracht – warum jetzt, weiß man nicht, aber egal.

Kann man es erkennen? Das ist das „Heidelberger Fass“, 219.000 Liter passen da hinein. Das Riesenfass ist das vierte seiner Art, die drei Vorgänger leckten, und als dieses sich auch als undicht erwies, benutzte man es nicht mehr. Es diente eh nur der Angeberei, um zu zeigen, was für ein toller Hecht der Kurfürst war, obendrauf konnte man tanzen, sowas hatte nicht jeder.

Ah – sehr erfrischend und wirklich lecker, das alkoholfreie Weizen von „Heidelberger“, und das Glas ist auch schön, am liebsten würde ich mir eins klauen.

Irgendwann hat hier mal ein kinderloser Schloßherr gewohnt, der auf der Suche nach einem Nachfolger auf eine hirnrissige Idee gekommen ist: Wer es schaffe, diesen Ring am Haupttor durchzubeißen, solle sein Erbe sein. Natürlich haben sich viele Leute daran die Zähne ausgebissen, aber eine Hexe hätte es fast geschafft – die Kerbe im Türring zeugt davon.

Direkt neben dem Schloß kann man mit der ältesten Standseilbahn Deutschlands den Königstuhl (so heißt der Berg) hinauffahren (schon wieder 7 Euro € *grummel*) – ganz ehrlich? Muß man nicht unbedingt.

Und noch ein Superlativ: Die größte Pferdeskulptur der Welt, das „S-Printing Horse“ von Jürgen Görtz. Es symbolisiert angeblich verschiedene Prozesse in einer Druckerei – wieso hat es aber nur drei Beine? Wegen der oft holprigen Berichterstattung in der Presselandschaft?

Zum Schluß noch ein Gastrotipp: Solltet ihr jemals in Heidelberg sein, besucht unbedingt das „Red“ in der Poststr.: Es ist ein vegetarisches Restaurant. Man bedient sich an einem reichhaltigen Buffet und bezahlt nach Gewicht, was man auf dem Teller hat.

So unglaublich lecker – ich wünschte, wir hätten in Köln so einen Laden, ich würde nur noch da essen.

Das letzt Foto auf der Speicherkarte. Im Hintergrund sieht man den Neckar blinken. In dieser Kneipe hat mir die Kellnerin übrigens ein Heidelberger-Bierglas geschenkt. Toll!

Ende.

0 Antworten zu “Urlaub, Heidelberg (3)

  1. Hach ja, der liebe Bacchus. Als Teil meiner aktuellen Abspeck-Kampagne hab ich seit Anfang Juli keinen Wein mehr getrunken *traurig rumroll* xD Dein vegetarischer Teller sieht gut aus. Ich ess momentan auch nur noch Gemüse als Lunch 🙂

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  2. Schon seit zwei Monaten, super, wenn Du dann mal wieder ein Gläschen trinkst, schmeckt es gleich viel besser.
    Wenn Gemüse richtig angemacht ist, kann es so gut schmecken, da braucht man wirklich kein Fleisch mehr. Leider können das nicht viele, oft wird es totgekocht und mit Soßen zugekleistert.

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  3. …ich fand es sehr enttäuschend, das Schloss nur als Ruine zu sehen und dafür so viel Geld bezahlt zu haben…aber das Apothekenmuseum hatte mich dann etwas entschädigt…dass die leute überall ihren Müll liegen lassen ist sehr respektlos, man sollte ihnen Strafen aufbrummen oder Sozialarbeit, einen Tag Müll sammeln für ein weggeworfenes Teil…

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  4. Ich bin wirklich nicht geizig und kann es mir auch leisten, ums Geld geht es eigentlich nicht, was mich stört, ist diese schamlose Abzockmentalität, es scheint so egal zu sein, daß allen klar ist, daß der Eintritspreis eigentlich zu hoch ist. Und ganz ähnlich ist auch die Haltung der jungen Umweltverschmutzer: Pah, ist mir doch egal, ICH will das jetzt so, scheinen sie zu denken … obwohl, denken ist vielleicht zu hochgegriffen, besser spricht man wahrscheinlich von empfinden, ein als völlig natürlich empfundener Zustand der permanenten Egozentrik.

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  5. Ich brat mir fast jeden Tag eine Gemüsemischung (Broccoli, Rosenkohl, Blumenkohl, Karotten, Erbsen, Paprika und Mais) leicht an. Dazu eine Knoblauchzehe, eine große gehackte Chilischote, ne Würzmischung aus Pfeffer, Ingwer und Meersalz und am Ende noch etwas Olivenöl. Meine Nase juckt seitdem auch weniger xD

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  6. …wir waren ziemlich verärgert über die hohen Preise auf dem Schloss, aber das nutzt niemandem und willst du als Besucher draußen bleiben?

    …was ich gar nicht verstehen kann, wie man sich auf so einer verdreckten Wiese wohlfühlen kann…abgestumpft, gleichgültig oder völlig blind? …so außen wie innen wahrscheinlich…

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  7. Ach, zu viel Bilder gibt es gar nicht. Aber ich denke das auch immer.

    Witzig, wie es schon in der Fußgängerzone das 4711-Schild als Hinweis auf Köln gab. Und dann noch der im Rausche liegende Vater Rhein. (Wann heißen Flüsse eigentlich DER und wann DIE?)

    Und Nepper, Schlepper, Bauernfänger. Der Kulturbeflissene Mensch wird ja dort kräftig zur Kasse gebeten. Wehe dem, der dann noch irgendwo parken muß, möchte gar nicht wissen, was das kostet.

    Die Wiese ist skandalös! Ich dachte immer, die „Jugend von heute“ hätte mehr Umweltbewußtsein. Das sieht ja aus wie der Tiergarten nach der Loveparade. Vermutlich rührt’s daher.

    Ah vegetarisches Buffett- jamjamjam…gut dem Dinge!

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  8. Die Jugend von heute, jedenfalls die, die man sieht auf den Straßen und Plätzen, erlebe ich als meistens sehr rücksichtslos, und zwar nicht aus bösem Willen oder Provokation, sondern aus Gedankenlosigkeit und/oder Dummheit. Wenn man dann leicht genervt reagiert, sind sie erstaunt und fühlen sich völlig ohne Grund angepampt. „ICH ICH ICH“ ist ihr stetiges Mantra, ihre soziale Kompetenz betrachten sie durch die Anzahl ihrer SMS-Partner oder Facebook-friends hinreichend bewiesen, darum braucht man sich also nicht mehr zu kümmern. Alles, was Spaß macht ist erlaubt, und wenn es den anderen nicht gefällt: Und? Wo ist das Problem.

    Schau hier:
    http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/fragen-an-den-zwiebelfisch-warum-ist-der-rhein-maennlich-und-die-elbe-weiblich-a-364172.html

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  9. Frisch oder aus der Tiefkühltüte, oder teilsteils?

    Ich koche gern kleingeschnittene Kartoffeln, Karotten und Kohlrabi in Brühe, zum Schluß noch Brokkoli aus der Tiefkühlpackung dazu. Das in eine Auflaufform, Tomaten obendrauf, Soße aus etwas abgeschöpfter Brühe und pürierten Gemüsestückchen drüber, Salz, Pfeffer, Muskat, dann noch Käse obendrauf und 10 Minuten in den Backofen – lecker!

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  10. Kann ich nicht so sagen. Die „Jugend“ hier ist eher harmlos, aber ich erlebe auch nicht allzu viel. In Sveas Klasse z.B. ist es ziemlich rücksichtsvoll, aber es wurde schon mehrfach gesagt, daß diese Klasse besonders nett ist. Schon im Kiga wurden diese Kinder gelobt.
    Allerdings, riesiger Ost/West-Unterschied, hier werden große Kinder schon immer angehalten, Rücksicht zu nehmen. Das fängt im Kiga an. Die großen sollen den Kleinen beim Anziehen/Umziehen helfen. Das machen sie meist gerne und behalten sie dann so bei.
    Das ICH-Mantra ist hier noch immer nicht so vordergründig. Der Nachteil für uns Eltern: Kindern wird auch nicht so viel Individualität zugebilligt, man verlangt hier mehr Angepaßtheit, hab ich das Gefühl.
    Aber wie ich schon mal erzählt habe, glaube ich, war ich stets erstaunt, als Svea noch klein war, wie rücksichtsvoll da größere Kinder waren. Einmal haben zwei 11,12 jährige Jungs auf einer Hüpfburg wie wild getobt und als die 2jährige Svea angedackelt kam, sagte der eine „Vorsicht, kleines Kind kommt“ und dann sie die beiden nur noch sanft rumgewackelt, damit der Lütten nichts passiert.

    Danke! Kann das sein, daß wir das schon mal hatten? Mir ist doch so…ach ich werd alt…*seufz*

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  11. Oi, das klingt super 🙂

    Japp, beides, am Wochenende aus der Markthalle, unter der Woche aus der Tiefkühltruhe (wobei ich das mit der Markthalle eher aus Loyalität gegenüber den Leuten dort mache; der Vitamingehalt von Tiefkühlprodukten ist in der Regel höher als bei „frischem“ Gemüse, wenn zwischen Ernte und Konsum mehrere Tage liegen).

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  12. Hi Videbitis,

    also… ZU viele Bilder gibt es für mich auch nicht.
    Ich mag Fotos anschauen und auch machen unfassbar gerne und Deine sind auch immer toll und sehr ansehnlich… 😀

    Danke, fürs Mitnehmen… 🙂

    LG mosi

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  13. die verdreckte wiese findest du in vielen städten nach dem wochenende.
    mir kommen dabei gedanken, dass der müll zuhause bei denen auf dem teppich landet.
    deine fotos schaue ich mir sehr gern an, denn deine texte dazu sind freundlich und nicht aufdringlich.

    auch ich esse vegetarisch und liebe es mir gemüsevariationen zuzubereiten.
    macht ein besseres körpergefühl und auch der geist wird offener.

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  14. Vielleicht gibt es ein West-Ostgefälle. Ein Stadt-Landgefälle kann es eigentlich nicht sein, wenn ich die jungen Leute von Außerhalb betrachte, die hier gröhlend am Wochenende durch die Stadt ziehen.

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  15. Die gibt es hier auch! So ist das ja nicht. Aber als Svea klein war, waren wir mit ihr mal in Berlin, wo ganz normale Kinder (Alter so 5-12) gespielt haben, da fiel es mir absolut auf. Stadtkinder haben schon einen ganz anderen Muskeltonus und vollkommen andere Bewegungen, sie rennen mehr, boxen sich mehr durch, schreien lauter, ihnen macht Enge und Menschenmenge nichts aus. Svea hingegen bekam nur noch Panik. Wir haben ihr keinen Gefallen getan.
    Für mich ist das auch so. Bin ich mal in Berlin, beobachte ich immer Leute, wie sie sich bewegen und stelle fest, ich bin eine absolute Schnecke dagegen.

    Aber wie schon oben erklärt, man muß Kindern früh beibringen, auf Schwächere zu achten. Hier ist es auch durchaus üblich zu älteren Geschwistern zu sagen „Du bist der Ältere, du paßt auf!“, das zieht sich über Generationen.

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  16. Goethe hat in Heidelberg aber nicht nur seine Büste, sondern ganz wirklich und tatsächlich auch ein Schild!

    Und was hat er gezeichnet? Den gesprengten Turm:

    Wobei, meiner bescheidenen Meinung nach war der dafür gewählte Sichtwinkel eindeutig zu steil. Der Standpunkt, von dem aus ich mein Foto gemacht habe, wäre besser gewesen. Aber da gibt es auch kaum Möglichkeiten, das besagte Schild aufzuhängen. Goehte, der Fuchs, der wusste das sofort…

    Liebe Grüße von einer, die aus dem Umfeld der geliebten Domstadt in das Umfeld Heidelbergs zog :wave:

    (Wirklich tolle Berichte, ich wühle mich gerade durch und bin begeistert!)

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  17. 🙂 Es gefällt mir sogar unheimlich gut. Deswegen meine Frage – ich habe solches Heimweh, du schreibst so tolle Sachen rund um Köln (aber auch alles andere ist toll), würdest du mich in deine Freundesliste aufnehmen?

    Sehr gerne :yes: Ähnlich wie du komme ich gerne in der Welt herum (sofern die Zeit es hergibt). Fast wie Goethe. Aber mir hängt niemand Schilder auf :))

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