Roncalliplatz

In Abenteurfilmen aus den 60ern, die in Afrika spielen, stehen die Eingeborenen gern in Baströckchen am Rand eines Flugplatzes, stampfen zur Trommelmusik rhythmisch mit den Füßen, geben unverständliche Laute von sich und stoßen ab und zu die Faust, die ein Speer umklammert, in die Luft – man hat den Eindruck, das sei tagtäglich ihre Hauptbeschäftigung. Ja, denkt der Zuschauer, so sind sie, die Afrikaner, wild, aber zur Zeit einigermaßen gebändigt, und gar nicht unmusikalisch. (Währenddessen landet ein zweimotoriges Flugzeug, aus dem in Khakianzügen gekleidete Europäer und Amerikaner steigen, Tropenhelm auf dem Kopf, das Gewehr schon mal schußbereit im Arm: Es geht auf Safari, halali! – aber das nur nebenbei).

Daran mußte ich neulich denken, als ich auf dem Roncalliplatz die chinesische Zeltstadt besuchte. In Köln ist nämlich zur Zeit China-Jahr, man feiert das 25-Jahr-Jubiläum der Städtepartnerschaft Köln-Peking. Und die Chinesen, das weiß ja jeder, leben in knallroten Zelten oder Papphäusern mit Wänden aus Papier, überall hängen Drachentiere und rote Ballons.

In der China-Oper, die alle Chinesen von morgens bis abends besuchen müssen, spielen und singen sie eine Musik, die dem westlichen Ohr arg fremd ist, dafür tanzen und turnen sie aber so artistisch, daß es eine Freude ist. Und zum Essen gibt es „Leis mit Hühnelfleisch und Sojasplossen“ – nee, diese Chinesen, was für ein putziges Volk!

Das können wir auch, haben sich die Kölner gedacht: Lustig sein, und schicken die „Höhner“, eine (hauptsächlich) Karnevals-Band, auf die Bühne, die auf chinesisch „Viva Colonia“ singt. Die „Höhner“ waren sogar schon zweimal in Peking, man erinnere sich gut an sie, so heißt es. Die Chinesen glauben nun, das, was die „Höhner“ da von sich geben, sei allgemeines deutsches Liedgut – ich kann nur hoffen, daß das nicht eines Tages zu internationalen Verwicklungen führt, die nicht wiedergutzumachen sind.

Die Politiker, voran Oberbürgermeister Roters und die Ministerpräsidentin von NRW Hannelore Kraft, sind natürlich froh: Allein in Köln gibt es 200 chinesische Firmen, knapp 800 in NRW, und vermutlich werden es immer mehr – China ist im Kommen, wirschaftlich gesehen, die viel beschworene „gelbe Gefahr“ wird gebannt, indem man sie umarmt. Aber was ist, wenn sie zurück umarmt?

Worüber man nicht gern allzu laut redet, ist die Tatsache, daß China eine Diktatur ist: Rede- und Pressefreiheit gibt es nicht, Behördenwillkür ist an der Tagesordnung, Folter, Unfreiheiten, Internetzensur, abhängige Klassenjustiz, Ungerechtigkeiten aufgrund ethnischer Zugehörigkeit usw. sind gesellschaftsbestimmende Phänomene, die – jawohl! – auch angesprochen werden. Nur nicht zu laut, und nicht zu oft. Das Geschäft könnte darunter leiden.

Das haushohe Graffito des geknebelten Dalai Lama ist von „Amnesty International“ in Auftrag gegeben worden, rechts oben steht: „Reden ist Silber, Schweigen ist China.“ – es ist zu befürchten, daß sich deutsche Politiker nur zu gern ein Beispiel daran nehmen.

0 Antworten zu “Roncalliplatz

  1. Ah, wieder ein Eintrag ganz nach meinem Herzen, bissig, aber nicht biestig, böse, aber gut böse.
    Das Dalai Lama Bild ist genial! Ich muß gerade an die Prügelperser denken. Folter in anderen Ländern, das kratzt den Deutschen an sich nicht. Es hat sich nix geändert.
    (Und sag mal selbst, wo sollten wir denn sonst unsere Flühlingslollen essen?!)

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  2. Ja, ich erinnere nur an die sehr kostspielige Austellung mehrer deutscher Museen im letzten Jahr in Peking „Die Kunst der Aufklärung“, die vom Auswärtigen Amt finanziert wurde. Gleichzeitig saßen der Künstler Ai Wei Wei und andere Regimekritiker im Gefängnis oder in Hausarrest. Das fand man allgemein nicht schön, aber – was soll’s. Den geschäftlichen Beziehungen hat es sicherlich gut getan. Was für eine Heuchelei!

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