Ausflug nach Hamburg: Millerntorstadion

Nanu? Videbitis ist Fußballfan? Das ist ja ganz was Neues … Nee, bin ich nicht, aber eine Freundin, die ich zu einer Besichtigung ins Heimatstadion des FC St. Pauli begleitet habe. Und das war interessanter, als ich erwartet hatte.

Der FC St. Pauli ist ein Außenseiterverein, nicht etwa, weil er so schlecht spielt (was er gar nicht tut, das weiß jeder Fan, und daß er am unteren Ende der Tabelle steht, ist halt Pech), sondern wegen der engagierten Fanszene, die dem linken Spektrum zuzuordnen ist. FC St. Pauli ist der einzige Verein, bei dem man Punker und Fan zugleich sein könne, sagte kürzlich einer von ihnen in einem Interview.

Der St.-Pauli-Fan pöbelt nicht, zettelt keine Schlägereien an, rassistische und sexistische Äußerungen im Stadion sind verboten, und Solidarität wird groß geschrieben. In der Theorie jedenfalls, in der Praxis meistens.

Blöderweise ist in diesem Stadion am letzten Wochenende einem Linienrichter einer von diesen neuen Mehwegbierbechern in den Nacken geflogen, das Spiel wurde vorzeitig abgebrochen. Schön blöd, aber schwarze Schafe gibt’s überall.

Glücklicherweise kam der Becher nicht von den billigen Plätzen …

… sondern von der neuen Tribüne. Wahrscheinlich jemand von Auswärts.

Oben auf der neuen Tribüne hat man Logen für solvente Mieter gebaut, die Fans wittern Kommerzialisierung und protestieren. Aber der Verein braucht Geld, und das Stadion ist klein. In der Astra-Lounge ist man offensichtlich der Meinung, zum echten Kerle-Fußball gehöre eine gute Portion Sexismus.

Ende letzten Jahres hatte „Susis Showbar“ eine Lounge gemietet. Die Reeperbahn ist nicht weit, da bietet es sich an, für einen zahlungskräftigen Kreis Stripteaseeinlagen zum Fußballspiel darzubieten. Die Gäste konnten sich aussuchen, wohin sie ihre Blicke lenkten – auf das Runde auf dem Rasen oder im Separee. Versteht sich fast von selbst, daß die Fans das schnell unterbunden haben.

Kleine Brinkgasse

Anfang der 50er Jahre waren die beiden Enden dieser Gasse mitten in der Innenstadt mit versetzten Mauern verstellt, der Zugang war nur männlichen Bürgern erlaubt, ähnlich der Herbertstr. in Hamburg. Ein Zeitzeuge erinnert sich:

„Als Pänz vun drücksehn, veezehn Johre, sin mer jään ens durch de Brinkjass un de Nächelsjass flaneet. Do jov et jet ze sinn. Nommedachs loche do de Huusfraue-Nutte en wießer Ungerwäsch em Finster un leete ehre Memme üvver de Britz hange. Uns feele de Auge usm Kopp.
Kalibere kunns du do aanjeseechtich weede. Do leever Jott! Die Wiever däte och met uns Spökes drieve.
Mer soche vielleich och jet älder us wie mer wore.
Äver rinjejange sin mer nie.
Uns däte ehschtens de Nüsele fähle un dann hatte mer – jläuv ich – och jet Schess för dä Vollwiever.“ (Kelong)

Übersetzung: „Als Kinder von dreizehn, vierzehn Jahren sind wir gern mal durch die Brinkgasse und die Nächelsgasse flaniert. Da gab es was zu sehen! Nachmittags lagen da die Hausfrauennutten in weißer Unterwäsche im Fenster und ließen ihren Busen über die Brüstung hängen. Uns fielen die Augen aus dem Kopf. Da konnte man Kaliber sehen! Du lieber Gott! Die Frauen trieben auch mit uns ihre Späßchen.
Wir sahen vielleicht auch älter aus, als wir waren.
Aber hineingegangen sind wir nie.
Uns fehlte erstens das Geld, und dann hatten wir – glaube ich – auch Schiß vor den Vollweibern.“

Mal abgesehen davon, daß dem Berichterstatter immer noch der Sabber aus dem Mund zu laufen scheint: So ändern sich die Zeiten. Heute rollt man in der Gasse einen roten Teppich aus, um allen Konsumenten das Geld aus der Tasche zu ziehen, auch den Frauen. Das bringt einfach mehr.

PS: Apropos Hamburg: Ich bin ein paar Tage weg, nachschauen, ob die Herbertstr. noch steht. Bis nächste Woche.