Einkaufsparadies Schildergasse

Frühling kommt, der Sommer ist nicht mehr weit. Das Hartz-IV-Prekariat packt Schmalzstulle und Thermoskanne in den neuen Ranzen, zupft ein bißchen am Spitzentuch, das aus der Tasche lugt, und begibt sich zur neu verordneten Tätigkeit, der spätrömischen Dekadenz. Es soll keiner sagen, man habe sich nicht bemüht, auch wenn es tatsächlich mühsam ist. Die grüne Brille hat man auf die Schnelle nicht gefunden, jedenfalls kann man das am neuen Arbeitsplatz einfach behaupten, das schwarze Nadelstreifensacko über rosa Hemd ist schlimm genug, aber gut, es geht ja auch bloß zum Wasserskilaufen. Anstrengend, die Römer haben das bestimmt nicht gemacht, hoffentlich dauert es nicht so lange, man muß ja auch noch Toast und Haferflocken einkaufen, damit man die nächsten Tage was zu Essen hat.

0 Antworten zu “Einkaufsparadies Schildergasse

  1. Die Kombination rechts im Bild zeugt wirklich nicht von besonders gutem Geschmack. Immerhin, das Hemd ist zwar gestreift – und damit kein ruhender Ausgleich zur Jacke – aber es ist nicht kariert. Fehlt nur noch ein oben aus dem Ranzen herauslugender Henkelmann.

    Vielleicht möchte der Aussteller bewusst provozieren, also einem lockeren Mischmasch von Formen, Beschäftigungen und Stilen das Wort reden?
    Vielleicht spiegelt das Bild ja einen derzeitigen Trend im Modebewusstsein der Deutschen wider, entsprechend dem Durcheinander von Freizeit und Erwerbsarbeitszeiten – kann ich nicht beurteilen, sehe derzeit zu wenig Deutsche. Wenn dem so wäre, würde ich dies bedauern.

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  2. ich mag undogmatische mode ja eigentlich fast immer, insofern kann ich mich mit der kombi rechts eigentlich sogar anfreunden, auch wenn ich – bis auf die naturfarbene hose – die einzelteile ziemlich schrecklich finde.

    das wasserski-outfit selbst ist echt zum kaputtlachen :))

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  3. Die Zusammenstellung erinnert mich an die Kleiderkammern von Sozialvereinen, in denen sich Bedürftige noch brauchbare Second-Hand-Klamotten aussuchen dürfen, erstes Auswahlkriterium ist hier wohl auch nicht die Eleganz.

    Was will Werbung? Sie will sagen, kauf dies, dann bekommst du auch das, also ein Auto plus ausschweifendem Sex, den die spärlich bekleidete Dame symbolisiert, die auf der Kühlerhaube thront. Manchmal steht dabei: Im Preis nicht enthalten. Bei diesem Textilausstatter wird einem Dekadenz geboten: In seinen Alltagsklamotten kann man sich einer ausschweifenden Lebensführung hingeben und unter Palmen Wasserski laufen, ohne sich umziehen zu müssen. Das führt natürlich sofort zu dem Satz, den unser neuer Außenminister und Vizekanzler Westerwelle über die Leute gesagt hat, die in Armut leben: „Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein.“

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  4. Was die Leute auf der Straße tragen, ist mir ehrlich gesagt ziemlich egal, allenfalls finde ich das eine oder andere amüsant (hauptsache, sie haben überhaupt etwas an. Das ist ja der Nachteil von sonnigem Wetter, daß man ungefragt alle möglichen nackten Körperteile vorgeführt bekommt, was mich nicht in meinem moralischen Empfinden empört, sondern in meinem ästhetischen). Die Werbung hat allerdings etwas Zynisches, finde ich.

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