Tätää! Trööt! Alaaf!

Es ist wieder soweit: Die Stadt rüstet auf. Große Betonbarrieren, die mit Stahlseilen miteinander verbunden sind, werden an neuralgischen Stellen plaziert, damit LKW-Attentäter wie in Berlin und Nizza keine Chance haben. 2.500 Polizisten, zum Teil mit Maschinengewehren ausgestattet, werden gleichzeitig durch die Stadt patroullieren und darauf achten, ob der zur Cowboyverkleidung gehörende Revolver auch wirklich ein Spielzeug ist. Gegen die abertausenden Wildpinkler, betrunkenen Gröler und Flaschenschmeißer werden sie vermutlich nicht einschreiten, schade eigentlich. Stattdessen will man „verdachtsabhängige“ Personenkontrollen durchführen – ich rate, das Gesicht besser nicht dunkel zu schminken und auf passende Verkleidung zu dem Lied „Die Karawane zieht weiter“ zu verzichten.

Ich bin wie immer auf der Flucht zu dieser Zeit, wieder mal im interessanten Berlin. Euch eine schöne Zeit, bis in zwei Wochen.

PS: Das Denkmal im Hintergrund zeigt den Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings, 1942 bis 1969 hatte er das Amt inne. Berühmt wurde er durch ein Tätigkeitswort, das aus seinem Namen gebildet wurde: Fringsen. Im ersten Nachkriegswinter, der sehr kalt war, sagte er in einer Silvesterrede zum weit verbreiteten Kohlenklau auf Güterzügen: „Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der Einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise, durch seine Arbeit oder durch Bitten, nicht erlangen kann.“ Das bedeutete: Mundraub wurde kirchen-ethisch legitimiert. Was? Das wußtet ihr schon, olle Kammelle, die ich euch hier auftische? Aber das wußtet ihr noch nicht: Derselbe Erzbischof setzte „sich für die Wiedereinstellung ehemaliger NSDAP-Mitglieder ein und unterstützte die ‚Stille Hilfe‘, die Kriegsverbrechern zur Flucht verhalf“ (Wikipedia).

Wiener Platz

Plätze so zu gestalten, daß man Lust hat, auf ihnen zu verweilen, das kriegt man in Köln nicht hin, und das ist vielleicht auch gar nicht beabsichtigt. Wo Leute sich konsumfrei versammeln, entstehen vielleicht Ideen, mit deren Auswirkungen man sich lieber nicht beschäftigen möchte. Immerhin hat man es in den 90er Jahren geschafft, daß der Verkehr nicht mehr rundherum braust, sondern „nur“ noch an zwei Seiten, aber er ist deswegen nicht weniger geworden. Und so zeigt eine Meßstation mit schöner Regelmäßigkeit, daß der zulässige Grenzhöchstwert der Feinstaubbelastung um das anderthalbfache überschritten wird. Feinstaub, das klingt so harmlos – was ist das überhaupt? Feinstaub, das sind kleinste Teilchen, die von uns eingeatmetet werden, sich im Körper festsetzen und Unheil anrichten. Die Weltgesundheitsbehörde (WHO) schätzt, daß aufgrund von Feinstaub ca. 3 Millionen Menschen pro Jahr vorzeitig sterben.

Der Feinstaub, von dem hier die Rede ist, wird in erster Linie durch Dieselfahrzeuge erzeugt. Was tut die Stadt, die die Meßstation ja extra hier aufgestellt hat, gegen diese lebensbedrohenden Luftverpester? Fahrverbote gegen Autos, die mit Diesel angetrieben werden, scheinen sinnvoll. Das kommt aber für den Kölner Umwelt-Dezernenten gar nicht in Frage: Die Geschäfte von Speditionen und Taxis, die die Hauptverursacher dieser Umwelterschmutzung sind, würden darunter leiden, so nicht, meine Damen  und Herren, das komme ja, wörtlich, einer „Zwangsenteignung“ gleich. Der Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer sieht es ähnlich drastisch: „Das gesellschaftliche Leben bräche zusammen.“ Tja, da kann man wohl nichts machen, ein paar Tote, in Deutschland allein 35.000/Jahr, müssen da in Kauf genommen werden, damit die Geschäfte nicht gestört werden.

Die Stadtverwaltung hat eine andere kreative Idee zur Beseitigung dieses Mißstands: Wenn die Meßstation ständig zu hohe Werte anzeigt, ist genau die das Problem: Die Meßstation. Also plant man, die Ampelschaltungen in der Umgebung neu zu programmieren: Immer dann, wenn die Station nahe einer kritischen Feinstaubbelastung kommt, werden die Ampeln so geschaltet, daß sie mit verlängerten Rotphasen den Verkehr von der Station abhalten – der Ausstoß an Feinstaub ist der selbe, aber er wird nicht mehr gemessen! Hurra – Problem gelöst! (- kein Scherz). Auf die Idee, zur Erlangung besserer Meßwerte die Meßstation einfach woanders hinzustellen, zum Beispiel in den Königsforst, oder sie im Rhein zu versenken, ist noch keiner gekommen – aber das ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit.

Bahnhofsbuchhandlung

Nee, was ist das schön: Sonntags erst spazierengehen, vielleicht ein bißchen am Rhein entlang, dann einen kleinen Abstecher in die Bahnhofsbuchhandlung Ludwig, um auf zwei Etagen gemütlich zu schauen, was es auf dem Buchmarkt Neues gibt. Oben gibt es sogar Stühle, auf denen man ohne jede Eile in die Bücher hineinlesen kann. Allerdings wahrscheinlich nicht mehr lange: Der Mietvertrag läuft Ende 2018 aus, und es hat sich jetzt schon ein anderer Interessent für die Räume gemeldt: Die Bundespolizei befindet ihre Räume als zu klein und möchte sich nun gerne hier breitmachen. Zur Zeit wird geprüft, ob es im Bahnhofsbereich noch weitere Räumlichkeiten gibt, wohin die Buchhandlung umziehen kann, aber ich bin nicht sehr zuversichtlich.

Der Berliner Gerhard Ludwig betrieb die Buchhandlung bereits seit 1946. Als er 1988 in den Ruhestand ging, verkaufte er sie an die „Unernehmensgruppe Dr. Eckert“, die ca. 200 Bahnhofsläden in Deutschland betreibt. In Köln arbeiten 25 kompetente Mitarbeiter, die bei einer Schließung ihren Job verlieren würden. Nicht nur deswegen täte es mir sehr Leid um den Laden. Ich finde, ein so großer Bahnhof braucht einfach eine Buchhandlung.