Kögida

Dunkeldom

So ähnlich muß es ausgesehen haben, als vor anderthalb Wochen der Domprobst die Außenbeleuchtung des Doms für einige Stunden abgestellt hat: Die Kögida-Demonstration, die vom Rechtsrheinischen ausgehend am Dom enden sollte, wollte er durch die Beleuchtung nicht unterstützen. Allerdings kamen die ca. 500 Demonstranten dort gar nicht an. 5.000 Gegendemonstranten blockierten den Weg, so daß die Kögida-Anhänger ihr Vorhaben schon am Ausgangspunkt, dem Deutzer Bahnhof, wieder aufgaben.

Als ich das erste Mal die Auflösung der Abkürzung „Pegida“ las, mußte ich lachen: „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ – das konnte doch wohl nur ein Scherz sein. Das Abendland, damit ist immer das christliche Abendland gemeint. Was soll daran christlich sein, um ihr Leben bangende Flüchtlinge die Hilfe zu verweigern? War der Namensgeber des Christentums nicht selbst Sproß einer Flüchtlingsfamilie, der in einer elenden Notunterkunft geboren wurde? Und in dessen Namen sollen nun andere Familien abgewiesen werden, die gezwungen sind, ihre Heimat aufzugeben, weil man ihnen ihre Häuser über den Köpfen zusammengeschossen hat und sie umbringen will?

Ich glaube nicht, daß die 25.000 Pegida-Demonstranten, die diese Woche in Dresden aufmarschiert sind, wirklich wissen, was sie da fordern, die meisten haben noch nie jemanden muslimischen Glaubens bewußt gesehen, ganz zu schweigen davon, daß sie vom Islam nicht die geringste Ahnung haben. Was sie auf die Straße treibt, sind die Gelegenheit, die die Pegida-Initiatoren ihnen bieten, und allgemeine Unzufriedenheit mit den Verhältnissen. Man ist Hartz-IV-Bezieher oder –Aufstocker (die von ihrer Arbeit nicht leben können) oder hat die Aussicht, daß man da jederzeit landen kann, ist vielleicht Geringverdiener ohne Perspektive auf eine Verbesserung, oder Rentner, dessen materielle Lebensqualität von Jahr zu Jahr sinkt, dazu steigende Mieten, Verarschung durch die Stromkonzerne, das hohle Geschwätz der Politiker egal welcher Couleur etc. und das Gefühl der Machtlosigkeit, irgendwas dagegen tun zu können – diese Mischung schafft eine Empörung, einen Zorn, für den es kaum ein Ventil gibt. Und dann kommen auch noch diese fremden dunkelhäutigen Menschen mit einem Glauben, von dem man im Fernsehen nur Schlimmes hört, und kriegen alles frei Haus serviert!

Voilà – da ist das Ventil. Und weil man gerade dabei ist, packt man seine restlichen Vorurteile auch noch hinein in seine Wut: „Wir Deutschen müssen unseren ganzen Besitz abgeben, bis uns mal Hartz IV zusteht, und der Türke und der Italiener haben in ihrer Heimat ein Häuschen, kommen dann hierhin und kriegen sofort Hartz IV“, gibt eine Kögida-Demonstrantin zu Protokoll.

Neid, Verbitterung, Mißgunst, Angst sind die Früchte einer seit Jahren verfehlten Arbeits- und Sozialpolitik. Mit einer angeblich drohenden Islamisierung hat das nichts zu tun, viele Pegida-Demonstranten glauben wahrscheinlich selbst nicht daran, sondern sie laufen den Rattenfängern hinterher, weil das eine Gelegenheit ist, dem machtlosen Zorn Raum zu geben. Daß der sich entwickelnde Haß dabei die Falschen trifft, nehmen sie billigend in Kauf – das Fremde war schon immer eine gute Projektionsfläche. Aber sie wollen es nicht hören, und das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb sie Journalisten mit „Lügenpresse“ beschimpfen – so gehen sie jeder Diskussion, die sie zweifellos verlieren würden, aus dem Weg.

Die Unzufriedenheit, die sich zum Fremdenhaß entwickelt, ist gefährlich. Appelle der Politiker nützen da gar nichts. Sie müssen den Mut haben, die Zusammenhänge zu untersuchen und etwas dagegen zu tun.

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0 Antworten zu “Kögida

  1. Gut zusammengefasst. So gesehen hätten sie eine eigene Bewegung verdient, die Verbitterten, und etwas mehr Verständnis – ebenso wie jene, denen sie nicht einmal ein Dach überm Kopf gönnen, zumindest nicht hier oder halt da, wo diese nichts mehr zu dürfen scheinen als sich fremd und unwohl fühlen. Unter Pegida findet sich momentan offenbar so ziemlich alles, was unzufrieden ist und verlernt hat, fair zu denken.

    Das können aber nicht die Politiker allein lösen. Dazu bedarf es der Mithilfe jedes Einzelnen, und damit meine ich nicht mehr oder minder stumme Protestmärsche oder viel zu kurze Augenblicke ernst gemeinter Solidarität. Bisserl Ausdauer wäre schon vonnöten, bezüglich eigener Verständnisbereitschaft, Nachsicht und gutem Willen.

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  2. Ich schreibe seit Wochen über dies Phänomen in meinem Blog,
    und habe auch schon wütende Zuschriften von Pegida Aktivisten
    vorgefunden. Du kommst in deiner Analyse zu den selben Schlüssen
    wie ich – gut zusammengefaßt. Wir hatten hier einmal und nie wieder
    eine Minidemo von 100 Fragida Leutchen. Die Armen mußten die Flucht
    ergreifen und Polizeischutz in Anspruch nehmen, denn sie vergaßen,
    dass Frankfurt 25% Bevölkerung mit Migrationshintergrund hat. :))
    Ich glaube, es wird bei dem einen Versuch bleiben 😉
    In Dresden wissen sie doch gar nicht, was ein Moslem
    ist, weil es dort praktisch überhaupt keine gibt. 🙂
    Auch wird immer wieder Islam, Islamisierung und Islamist in
    einen Topf geworfen – die sind auch sehr beratungsresistent.
    Ich denke, spätesten im Sommer werden sich diese Demos
    verläppert haben und es wird irgendein anderes Faß
    aufgemacht. Politiker und Presse messen der Sache
    zu große Aufmerksamkeit bei und pushen sie unnötig. 🙄

    http://christiane-frankfurt.blog.de/2015/01/06/100-fragida-anhaenger-verirrten-sachsenhausen-19930402/

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  3. passend zu deiner analyse habe ich einen artikel aus einer hannoverschen tageszeitung gefunden.

    Der „typische“ Demonstrant bei den Protesten der Anti-Islam-Bewegung Pegida in Dresden kommt einer Studie zufolge aus der Mittelschicht, ist gut ausgebildet und berufstätig. Er verfüge zudem über ein für sächsische Verhältnisse leicht überdurchschnittliches Nettoeinkommen, sei 48 Jahre alt und männlich, ergab eine am Mittwoch von der TU Dresden veröffentlichte Untersuchung.

    http://www.haz.de/Nachrichten/Politik/Deutschland-Welt/Typischer-Pegida-Demonstrant-kommt-aus-der-Mittelschicht

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  4. Danke, interessant. Allerdings haben 65 Prozent der Befragten eine Befragung kategorisch abgelehnt, die Antworten kommen also nur vom restlichen Drittel. Die Aussagen sind also mit Vorsicht zu genießen.

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  5. Mir gefällt, dass du die Perspektive erweiterst, obwohl der Dom ja nur manchmal leuchtet 😉 und den Blick lenkst auf eine „seit Jahren verfehlte Arbeits- und Sozialpolitik“. Ich habe eben schon bei dir gelesen, als ich mit meinem eigenen Text nicht weiterkam. Deine klugen Worte haben mir geholfen, klarer zu sehen. Vielen Dank!

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  6. Sehe ich auch so: 25.000 Demonstranten in Dresden in der rechten Ecke zu verorten ist keine differenzierte Betrachtungsweise. Es ist vermutlich eine unselige Vermischung von berechtigter Kritik und ausländerfeindlichen Parolen, die rechte Gruppierungen zu gern für sich vereinamen.

    Natürlich kann sich der Einzelne nicht rausziehen und sagen: Laß die Politiker mal machen. Allerdings gibt es viele Mißstände, die sich individuell nicht lösen lassen, und da ist die Politik gefragt. Politiker gefallen sich zu oft in markigen Sprüchen, ohne Taten folgen zu lassen, und genau daher rührt meiner Ansicht nach ein großer Teil der Unzufriedenheit.

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  7. In Köln haben sie es heute Abend wieder versucht, ich weiß noch nicht, was daraus geworden ist.
    Wie sich herausgestellt hat, brüsten sich Funktionäre der rechtsextremen „Pro Köln“-Vereinigung damit, die Kögida-Demos angemeldet zu haben – Trittbrettfahrer, die die Gunst des Zeitgeistes für sich zu nutzen suchen. Ich vermute, sie haben keine Chance.

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  8. Ja, ich glaube, die Gründe sitzen tiefer als in einer plötzlich aufkeimenden Islamophobie. Daß die Leute sich langsam verarscht vorkommen angesichts z.B. einer sich verschlechternden und verteuernden Gesundheitsversorgung auf der einen Seite und jubelnder Politiker über die „schwarze Null“ auf der anderen, kann ich sehr gut verstehen.

    Ich danke Dir! 🙂

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  9. Hi Videbitis,

    gut gebrüllt bzw. sehr schön zusammen gefasst.
    Da schließe ich mich mal so an.

    Und, ich fand das Bild vom Dom ohne Licht schon sehr gruselig.
    Habs nur im TV gesehen, aber das war schon unheimlich.

    LG mosi

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  10. Hier wird aber ein fester Personenkreis befragt. Wenn von denen nur 35 Prozent überhaupt bereit sind, Auskunft zu geben, kann man doch nicht auf alle schließen. Über 50 Prozent von denen, die Auskunft gegeben haben, haben angeblich ein überdurchschnittliches Nettoeinkommen – auf die Gesamtmenge gerechnet sind das gerade 18 Prozent, wenn man davon ausgeht, daß 65 bis 82 Prozent ein normales oder unterdurchschnittliches Einkommen hatten.

    Anders ausgedrückt: Auf die Bitte nach Beantwortung von ein paar Fragen stimmten überwiegend nur die zu, die ein überdurchschnittliches Einkommen hatten. Die anderen 65 bis 82 Prozent hatten ein normales oder unterdurschnittliches Einkommen, oder sie verweigerten jede Auskunft.
    So könnte man es auch interpretiern.

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  11. Verständnis im Sinne von Verstehen-Wollen kann man ja gar nicht genug haben. Von Verständnis im Sinne von Gutheißen kann hier natürlich nicht die Rede sein, was die Verquickung von zum Teil berechtigter Kritik mit einer angeblichen Überfremdung betrifft. Ist der Eindruck entstanden? Oder was meinst Du genau?

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