Südbahnhof

Die Formensprache der 50er-Jahre rührt mich, wenn ich sie sehe: Der Formwille ist deutlich sichtbar, sie will ganz eigen sein und elegant, mondän und modern aufgeschlossen – und scheint ihr klägliches Scheitern doch schon gleich in sich zu tragen. Aber ob man sie mag oder nicht, die Gebäude sind Dokumente der Zeitgeschichte und müssen entsprechend gepflegt werden. Erst verwahrlosen lassen, um dann mit dem Abriß ein leichtes Spiel zu haben, dient durchschaubar einem kulturvergessenen reinen Funktionalitätsstreben.

Hier kommt noch etwas anderes hinzu: Die Bahn, obwohl sie für die Pflege auch kleiner Bahnhofe regelmäßig nicht unerheblich große Summen aus der Staatskasse bezieht, kümmert sich keinen Deut darum, sondern steckt das Geld lieber in völlig überdimensionierte Großstadthauptbahnhöfe, die mehr mit Kaufhäusern gemein haben. Die nächste milliardenschwere Tat ist in Stuttgart geplant, wo der ganze Schienenverkehr unterirdisch gelegt wird, wahrscheinlich, damit man die Geschäfte besser erreichen kann. A propos unterirdisch: In Köln kennt man sich bestens aus in Planung und – an Material sparsamer – Durchführung von solchen Großbauprojekten. Vielleicht sollte man sich hier beraten lassen, an welche Billigbaufirmen die Auftäge man am besten vergibt, damit man lange was davon hat – von der Baustelle.

0 Antworten zu “Südbahnhof

  1. Ich habe seinerzeit die „modernen“ Bestrebungen in der Alltagsarchitektur auch schön gefunden, ich fand ja auch Cocktailsessel schön, zumal sie in die kleinen Neubauwohnungen viel besser hineinpassten, und Tütenlampen, und, und, …. Es war ein wunderbarer Kontrast zu den klotzigen, dunklen, schweren Objekten, die nach dem Kriegschaos noch irgendwo übriggeblieben herumstanden, es war eine richtige Gier nach frischem hellen Design. Schade, dass alles so verrotten muss, und nicht repariert wird, eben auch als Kulturdenkmal, lieber wegschmeißen und neu machen, auch wenn dann eben wieder ein dunkles bedrängendes Schloß hervorgezaubert werden muss.
    Egal, einen schönen guten Morgen.
    🙂

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  2. Guten Morgen!

    Jaa, genau – Cocktailsesselchen mit kurzen dünnen Holzbeinchen an wackeligen kleinen Nierentischchen, darauf eine kleine Tütenlampe aus plastikähnlichem Material, das sich wegen der Hitze mit der Zeit innen verfärbte, daran kann ich mich auch noch erinnern :).

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  3. Tolles Beispiel. Hab mal eine Serie gemacht: Komisches Design im Straßenbild. Da wäre dein Bild eine Perle. Dass solche Stilbemühungen „ihr klägliches Scheitern doch schon gleich in sich zu tragen“, ist schön gesagt.

    Was die Verlotterung der Bahnhöfe betrifft, hast du absolut Recht. Manchmal werde ich bei Bahnfahrten ganz schwermütig, denn nirgendwo zeigt sich das Marode unserer Gesellschaft so geballt wie an den Bahnstrecken. Das Nebeneinander von Bombast und Ruine ist wirklich absurd. Und kommt dann mal die Bahnprivatisierung, wird alles noch viel schlimmer.

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  4. Ja, mein Geschmack ist es auch nicht – – aber z.B. Rokoko-Architektur auch nicht, trotzdem würde keiner auf die Idee kommen, sie abzureißen. Dagegen mit der 50er-Jahre-Architektur glaubt man, das machen zu dürfen. Oder noch ein anderes Beispiel: Ab der Renaissance galt die Gotik mehr und mehr als häßlich, abstoßend, unmodern, mittelalterlich. Hätte man sich so verhalten wie heute oft, gäbe es keinen Kölner Dom.

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  5. In den 50ern war so eine Form revolutionär. Man darf wohl nicht vergessen, das liegt 60 Jahre zurück, somit länger als ich alt bin (endlich etwas, das älter ist.). Hatte wer in dieser Zeit Telefon und Fernsehen, war er etwas Besonderes. Das gleiche gilt für Emmentalerfenster. 😉

    Dein Satz „scheint ihr klägliches Scheitern doch schon gleich in sich zu tragen“, verstehe ich jetzt nicht ganz, was du damit meinst. Etwa, dass man bei der Planung nicht an Funktionalität dachte? Oder, weil es Design für die Ewigkeit sein sollte?

    Ich würde mir wünschen, dieses Wartehäuschen, oder ist es ein Stiegenaufgang auf den Bahnsteig, bekommt bald eine Verjüngungskur!

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  6. Gescheitert zum einen deshalb, weil dieser Treppenschutz hier stilistisch überhaupt nicht hinpaßt, weit und breit ist hier sonst nichts im typischen 50er-Jahre-Design zu sehen. Zum anderen ist diese 50er-Jahre-Architektur ja tatsächlich gescheitert, schon bald baute so keiner mehr, und deshalb sieht es rückblickend für mich so aus, als sei sie stilistisch eine Totgeburt gewesen. Der Klassizismus als Herrschaftsarchitektur wurde natürlich auch von den Nazis benutzt, damit wollte man, vermute ich, nichts mehr zu tun haben, deshalb diese aus heutiger Sicht komischen kurvigen Formen (das ist aber reine Spekulation).

    Ich bin auch der Meinung, man sollte das besser pflegen.

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  7. Also die Architektur an sich gefällt mir gut. Bei Bahnanlagen in den westlichen Bundesländern, insbesondere in Nordrhein Westfalen, Rheinland Pfalz, Baden Würtemberg und Teilen von Hessen findet man noch diese rundlichen Formen, sofern sie nicht schon „wegmodernisiert“ wurden.

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  8. Gehe da mit deiner Argumentation nicht ganz konform. Auch wenn weit und breit nichts in dem Stil zu sehen ist, heißt es nicht, dass er zum Scheitern verurteilt wäre.
    Der Stil der 50er Jahre wurde nach dem Bauhausstil (glaub ich einmal) ziemlich verkommerzialisiert. Vielleicht ist das auch der Grund, warum wir Bauwerke dieser Zeit so abwertend beurteilen.
    Gerade weil dieser Stiegenabgang inmitten rundum hässlicher Häuser mit Glotzfenstern steht, empfinde ich dieses Werk als Kleinod.

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  9. Das ist vielleicht eine Geschmacksfrage: Eine Rose im Kartoffelfeld kann eine wunderbar poetische Wirkung haben, aber wenn man Rosen nicht mag, ist man wahrscheinlich eher geneigt, sie in diesem Umfeld als Unkraut zu betrachten. 😉

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