Engelbertstr.

Manchmal, wenn ich durch die Stadt wandere, frage ich mich: Wie kommt das zustande? Dieses kleine Zwischenhäuschen gehorcht wohl kaum ökonomischen Interessen, sonst hätte man es doch sicherlich bis nach vorn gebaut. Besonders gepflegt sieht es auch nicht aus, im Gegenteil, leicht heruntergekommen, und markiert gleichzeitig den dicken Max mit seinen Balkonen, von denen die anderen Häuser in der Gegend nur träumen können: Hohoho, seht her, ich bin zwar klein und mickrig, aber ich habe gleich drei!

Im rückwärtigen Schaufensters des Ladens im Erdgeschoß hängt ein magersüchtiger Weihnachtsmann, der aussieht, als wäre er aufgeknüpft, vielleicht ist er deshalb so dünn. „Headwork“ – ist hier etwa ein „Think Tank“? Wissenschaftler, die sich die Haare raufen, um die Probleme der Welt zu bewältigen? Nicht ganz, nur „Haare“ stimmt: Das ist ein äußerst vielbesuchter und angesagter Frisörladen mit ganz jungen hippen Angestellten und einem eigenen Diskjockey, der die neusten umz-umz-umz-Platten reitet, das alles zu Preisen, mit denen man innerhalb kürzester Zeit das Häuschen ein wenig renovieren könnte – aber bitte bloß nicht zu viel, es soll ja nicht seinen Charme verlieren!

Nachtrag um 16. Uhr: Gerade erreicht mich eine email einer Freundin: „Der vielbesuchte hippe Laden mit (nicht eigenem, sondern manchmal Gast-Discjockey, keine Größen, eher unbekannte DJs) ist Kastenbein & Bosch: Headwork ist nicht mehr ganz so gut besucht und da läuft Radio.“ Danke!

0 Gedanken zu “Engelbertstr.

  1. Das Haus ist ganz ganz sicher aus den 80er-Jahren, da kam die Slim-Variante auf für eigentlich alles, was den urbanen Menschen angeht: Salami, Zigaretten, Schokolade und eben auch Häuser.
    Die drei Balkone dienen dazu, daß die körperbewußten Menschen („Ich will so wohnen wie ich bin- Du darfst!“) auch noch ein wenig Farbe abbekommen, damit täuschen sie eine Urlaubserholung vor.
    Der dünne Weihnachtsmann schlägt dann nur in dieselbe Kerbe und nun, Hairstyling gehört auch zu der „Du darfst“-Gesinnung.
    Und damit auch der Geldbeutel nicht zu dick wird, sind die Preise gepfeffert- du siehst, alles ganz einfach erklärbar.

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  2. Als Innen-Städter ist man ganz froh, wenn man mal einen Schritt nach draußen machen kann, ohne gleich vor die Haustür gehen zu müssen, ganz unabhängig von der Aussicht. Aber einen gemütlichen Grillabend mit Freunden wird man da nicht veranstalten, da gebe ich Dir recht, dafür geht man in den Park.

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  3. Aah ja – wie Du die Zusammenhänge entschlüsselst, prima, ein dickes Portemonnaie ist ja wirklich lästig, ein Hoch auf die Menschenfreunde aus der Geschäftswelt, die diese Last zu mindern helfen („Ich will so arm bleibn wie ich bin – Du darfst!“ *flötflöt*).

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  4. Ich gehe davon aus, dass es sich bei den beiden Häusern um Nachkriegsbauten handelt, die an der Stelle von zerbombten Gebäuden wiederaufgebaut wurden. Ich schätze so in den 50er Jahren. Nach und nach haben die Häuser wahrscheinlich immer wieder mal eine Renovierung erfahren. Nach dem Krieg war man froh, wenn überhaupt etwas gebaut wurde, darum nahm man es mit der Ästhetik damals nicht so genau…

    Ich behaupte jetzt mal, das zuerst das rechte Haus gebaut wurde und dann etwas später das linke. Zuvor bin ich mir sicher, stand dort eine Wohnanlage mit Innenhof. Sozusagen ein geschlossener Block. An der Stelle, wo jetzt das schmale Haus steht, war früher bestimmt ein Durchgang in den Hof. Man konnte sich wahrscheinlich nicht einigen, wem das Grundstück nun gehört und so hat man es erst mal freigelassen. Später hat man dann die Baulücke vorrangig aus ökonomischen (Platz wurde weniger, Baugrund teurer) Gründen, wahrscheinlich sogar ohne Genehmigung, geschlossen.

    Aufgrund der geringen Hausbreite konnte man aber nicht so tief wie die nebenstehenden Gebäude bauen, sonst hätte man ja kein Licht mehr in das Innere der Wohnungen gebracht. Die Idee mit den Balkonen ist deshalb nicht schlecht, wie ich finde. Die anderen Häuser haben nur deswegen keinen Balkon, weil sie mit ihren Aussenmauern bis an die Baugrenze heranreichen. Das schmale Haus hat da noch „Luft“ nach vorne. Wenn man es mal schön renovieren würde, sähe es bestimmt super aus und die beiden nebenstehenden Gebäude sähen ganz schön alt dagegen aus …

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  5. Und der Friseur hat dann auf Häuserflucht angebaut, sehe ich das richtig?
    Dieses schmale Haus, das aussieht, als wäre es in den 60ern gebaut worden, dürfte vermutlich durch einen Widmungsfehler und bester Ausnutzung von Bauplatz entstanden sein. Anderes erscheint mir nicht plausibel.

    (Bilder Stollwerckhaus habe ich, folgen morgen. Als neuen Auftrag hätte ich das Kaufhaus „Hettlage“.)

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  6. Ja,zerbombt stimmt, die ganze Neustadt bestand ausschließlich aus Gründerzeitbauten, von denen es immer noch ein paar gibt, aber leider viel mehr diese 50er-Jahre-Bauten. Das mit dem Innenhof ist auch sehr wahrscheinlich: Man sieht es aus dieser Perspektive nicht, aber zwischen dem Anbau und dem rechten Haus ist noch eine Lücke, durch die man die Rückfronten von Häusern der Parallelstraße sehen kann.

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  7. Wenn man das Gesamtensembel betrachtet, sieht man (allerdings nicht auf diesem Foto)dass sich auf der rechten Seite die Rueckseite eines alten Hauses befindet. Die Variante mit dem ehem. Innenhof scheint mir recht plausibel zu sein. Wie es aussieht, handelt es sich allerdings um einen rueckseitigen Anbau eines anderen Hauses, da es ja hier auch keinen Eingang gibt. Also, einmal drin und nie wieder heraus (daher auch die Balkone als einzige Chance?). Da ich auch in der Engelbertstrasse wohne und schon unzaehlige Abende vor Gilberts Pinte gesessen und ueber dieses raetselhafte Haus gegruebelt habe, moechte ich mich ganz herzlich fuer den Beitrag bedanken. Wenn mich die Neugierde packt, werde ich dort mal klingeln gehen.

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