Messe

Der Fernsehsender RTL überlegte sich im Jahre 2003, wie er günstig an größere Räume kommen könnte, das alte Gebäude war so klein. Es reichte völlig aus, die Umzugspläne öffentlich bekannt zu geben, schon überschlugen sich die Angebote. Nachdem die kleine Stadt Hürth westlich von Köln, wo jetzt schon „Wer wird Millionär“ und „SternTV“ produziert werden, gut im Rennen lag (es heißt, man unterhielt sich bereits über die Farbe der Teppiche), zog der Kölner Oberbürgermeister einen letzten Trumpf aus dem Ärmel (RTL ist der größte Steuerzahler der Stadt): Die alten traditionsreichen Messehallen am rechtsrheinischen Ufer. Dank der zahlreichen Sonderkonditionen, die mit dem Angebot einhergingen, sagte RTL zu, und seitdem wird gebaut. Das Gebäude, dessen Fassade unter Denkmalschutz steht, wurde komplett entkernt (siehe auch hier) und wird voraussichtlich in diesem Jahr bezugsfertig.
Daß geklüngelt wurde, da würde die unterlegene Hürther Konkurrenz drauf wetten,“ stand seinerzeit in der Zeitschrift „Stadtrevue“ – ich glaube, man nennt das „rheinischen“ Kapitalismus, man hilft sich gegenseitig, wo man kann, Nächstenliebe ist schließlich ein urchristlicher Wert, und wenn es hier und da zu kleinen Rechtsbeugungen kommt – naja, wenn es der Sache (und natürlich dem eigenen Portemonnaie) hilft!

12 Gedanken zu “Messe

  1. Diesmal schlage ich mit meinem Kommentar nicht in deine Kerbe. Ich finde es gut, wenn sich finanzkräftige Unternehmen in alten Gebäuden einmieten. Die Sanierung (Entkernung) alter Gebäude ist sehr kostenintensiv und war vermutlich für die Stadt nicht tragbar. Wen hätte man, gesetzt den Fall die Stadt hätte renoviert, als Mieter für diese riesige Anlage finden sollen? Irgendeine unnötige Shoppingmall, die dann dahindümpelt, ein Museum, das wiederum enorme Kultureuros verschlingt?
    Warum soll man einem Unternehmen nicht entgegenkommen, wenn sie mit dem Umbau streng angelegter Bauordnung Rechnung tragen?
    Natürlich will Köln seinen Steuermulti nicht verlieren. Überleg dir einmal, wie die Stadt plötzlich in eine Finanzloch stürzen würde.
    Deine Kritik sehe ich hier als unangebracht an.

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  2. Das Ganze ist eine außerordentlich komplizierte Angelegenheit, und ich bin kein Fachmann. Aber Folgendes: Die alten Messehallen waren ja noch im Betrieb, Voraussetzung für die Nutzung durch RTL war also der Bau von neuen Messehallen, damit Köln seine Bedeutung als Messestandort nicht verliert. Da die Stadt das haushaltstechnisch gar nicht hätte stemmen können, hat sie das ganze Areal an eine Investoren-Gruppe, den Oppenheim-Esch-Fonds, vermietet, der wiederum weitervermietet hat an die Sparkasse KölnBonn. Die Sparkasse vermietet nun ihrerseits nach Vollzug sämtlicher Neu- und Umbaumaßnamen die alten Messehallen an RTL und die neuen an die Messegesellschaft, deren Träger die Stadt Köln ist. Verkürzt und provokativ gesagt: Die Stadt Köln ist Vermieter und Mieter in einer „Person“, wobei die Ausgaben die Einnahmen langfristig weit übersteigen.
    Hätte die Stadt selbst gebaut, wäre das ganze Vorhaben sehr viel günstiger gewesen (wir bewegen uns im zig-Millionen-Euro-Bereich).
    Im Zuge meiner Recherchen habe ich gelesen, daß sich der Bezug der alten Messehallen durch RTL wegen Bauverzögerungen um voraussichtlich knapp ein Jahr verzögert – die sich daraus ergebenden Kosten, ebenfalls in zig-Millionen-Euro-Höhe, gehen nicht zu Lasten des Erst-Investors, also des privatwirtschaftlichen Oppenheim-Esch-Fonds, sondern müssen, so ist die Vertragslage, von der Sparkasse KölnBonn getragen werden. Die Sparkasse KölnBonn ist ein öffentlich-rechtliches Kreditinstitut, etwaige Verluste werden von der öffentlichen Hand (sprich Steuern) abgedeckt.
    Das alles nur, weil RTL die Alternativen, die durchaus da waren, ausgeschlagen hat: Ein Ausbau des erst vor wenigen Jahren errichteten Medienzentrums Coloneum auf Kölner Stadtgebiet wäre sehr viel kostengünstiger gewesen, und das immer noch leerstehende Gebäude des nach Bonn umgezogenen Deutschlandfunks wäre zwar zweckmäßig und ausreichend gewesen, war den Herrschaften aber nicht attraktiv genug.

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  3. Da muss ich mich ausklinken, weil mir dazu Detailwissen fehlt. Ich habe allerdings auf einer Seite nachgelesen und da steht nicht drinnen, dass die Sparkasse darin involviert ist, allerdings die Bonität des Fonds bestätigte.
    Sal-Oppenheim ist ein sehr finanzschwerer Brocken, der genau weiß wo er sich einkauft.
    Die Stadt Köln mietet das Gelände um 20 Mio Euro pro Jahr auf 30 Jahre. Das sieht mir eher wie ein „Sale und Leaseback“ Verfahren aus, so wie es bei uns mit Autobahnen gemacht wird. Der Oppenheim-Esch Fonds investiert (hier gibt es laut Presse unterschiedliche Aussagen) 260-360 Mio Euro. Nette Gewinnspanne, wenn man die Mieteinnahmen der 30 Jahre hochrechnet.
    Quelle: http://www.dirk-eckert.de/texte.php?id=802

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  4. Noch ein kleiner Zusatz über das Medienzentrum „Coloneum“, das ja auch auf Kölner Stadtgebiet liegt und schon jetzt nicht ausgelastet ist (und wahrscheinlich noch mehr verfällt, wenn die ganzen RTL-Töchter, also Vox, Super-RTL etc., die hier ansässig sind, in die Messe abwandern): Spiegel 45/2007:

    „Studiobetreiber MMC wird zwangssaniert

    Harte Zeiten stehen dem Kölner TV-Studiobetreiber Magic Media Company (MMC) bevor. Seit kurzem durchleuchten Sanierungsexperten von Ziems & Partner, die auch schon das Imperium von Ex-Medienmogul Leo Kirch abgewickelt haben, das Unternehmen. MMC, an der unter anderem die Sparkasse KölnBonn sowie die Fernsehsender RTL und ProSiebenSat.1 beteiligt sind, macht jährlich bis zu zehn Millionen Euro Verlust – in erster Linie wegen hoher Mietbelastungen gegenüber dem Oppenheim-Esch-Fonds. Diese wurden bisher immer in Form von Mietgarantien der Gesellschafter übernommen, die allerdings im nächsten Frühjahr auslaufen. Spätestens dann dürfte die MMC ohne drastische Einschnitte kaum am Leben zu halten sein. Das Unternehmen war von Anfang an auf Sand gebaut, wie aus einem erst jetzt aufgetauchten Gutachten der Unternehmensberatung Kienbaum aus dem Jahr 1999 hervorgeht. Um die seinerzeit kalkulierte Auslastung der MMC-Studios in Hürth und Ossendorf zu erreichen, müsse „die Nachfrage nach Studiokapazitäten der MMC um den Faktor 2,3 zunehmen“. Eine derartige Nachfragesteigerung sei aber „derzeit nicht erkennbar“, hieß es bereits damals in dem Papier. Die MMC, in deren Hallen unter anderem Sendungen wie „Deutschland sucht den Superstar“ (RTL) produziert werden, steht derzeit im Mittelpunkt der Affäre um den früheren Chef der Sparkasse KölnBonn, Gustav Adolf Schröder.“

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  5. Die Miete beträgt, wenn ich das richtig erinnere, über 22 Millionen Euro im Jahr, also Einnahmen von über 660 Millionen auf 30 Jahre – vorausgesetzt, die Miete steigt nicht. Und das ist nur die Miete der Stadt Köln, die Miete von RTL kommt ja noch dazu – gutes Geschäft, würde ich auch sagen.

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  6. Also das ist ja mehr als dubios.
    Ein Fonds renoviert, wird nicht fristgerecht fertig und der Mieter hätte die Kosten, die auf Grund der Bauverzögerung entstehen zu tragen?
    Ich bin kein Rechtsanwalt und kein Mietlöwe, aber bei meinem geringen rechtlichen Background, würde mir mein Hausverstand sagen:
    Ich vereinbare einen Bezugstermin. Wird der nicht eingehalten ist eine Pönale vom Bauherren an den Mieter zu zahlen.
    Irgendwie kracht es da aber ordentlich im Gebälk.

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