Stunksitzung

Im offiziellen Karneval der Karnevalsvereine (das ist eine todernste Sache!) finden sogenannte Prunksitzungen statt, also das, was viele Leute aus dem Fernsehen kennen: Oben sitzt der Präsident mit Elferrat, unten das geneigte Publikum, an der Seite die Kapelle, die immer dann einen Tusch spielt, wenn das Publikum lachen soll über die faden Witzchen der jeweils Vortragenden. Im Jahr 1984 griffen ein paar engagierte Studenten (unter ihnen der Kabarettist Jürgen Becker, den man von der WDR-Sendung Mitternachtsspitzen kennt) die Idee auf und kreierten die Stunksitzung, die nicht nur den erstarrten Kanevalbürokratismus, sondern auch Kirche, Politik und Gesellschaft mit anarchischem und oft gewollt geschmacklosem Witz durch den Kakao zog. Inzwischen hat sich die Idee ein bißchen leer gelaufen: Die Stunksitzung ist nun fester Bestandteil des Karnevalgeschehens, altehrwürdige Karnevalsvereine besuchen die Veranstaltung en bloque und amüsieren sich köstlich darüber, daß sie auf den Arm genommen werden.
Waren die Stunksitzungen (über 40 pro Session) zu Anfang bitterböse Abende für den schwarzhumorigen Karnevalshasser, geht heutzutage kaum noch jemand ohne Verkleidung hin und schunkelt begeistert mit. Bäh!
Man könnte auch hier vom Verfall der Subkultur durch Assimilation in die kapitalkräftige Mainstreamkultur sprechen, obwohl die Beteiligten weiterhin versuchen, ihr Bestes zu geben.
Und eine Jugendorganistion gibt es inzwischen also auch – wie bei den Offiziellen.

11 Gedanken zu “Stunksitzung

  1. Ich glaube, das ist eine Erfahrung, die man sich getrost ersparen kann, es gibt doch so viele Sachen, die man immer schon mal machen wollte, wie z.B. … hmm … mir fällt jetzt gerade nichts ein, aber egal was, es ist auf jeden Fall lustiger. Oder bist Du so ein Feier-Mensch, der in großen Massen mit Alkohol und lauter 4/4-Musik und Texten zum Mitsingen richtig ausgelassen ist? Dann ist Dabeisein natürlich alles 😉

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  2. Ich will ja immer noch mal den Kölner Rosenmontagszug sehen (oh, jetzt ist es raus, ich liebe Karneval, aber nur den Kölner und ich muß auch nicht dabeisein), aber meine jüngste Nichte lebt in Bonn und hat mir da Sachen erzählt, eklig.
    Es sei denn, Du wohnst direkt an einer Straße mit Blick auf den Zug.
    Schleim, kriech, lobhudel.

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  3. Nee, glücklicherweise nicht. Kann mir ja eigentlich egal sein, ich bin ja eh nicht da, aber die Straßen sehen hinterher immer aus wie Sau wegen der ganzen nichtaufgesammelten Billigbonbons, wenn’s dann noch regnet, bleibt man tagelang mit seinen Sohlen am gezuckerten Boden kleben.
    Ich wüßte schon, wo man sich relativ gefahrlos hinstellen kann, aber ich rate davon ab: Sobald ein Wagen vorbei ist, kann es schon mal eine Viertelstunde dauern, bis der nächste kommt, das ganze ist eine langwierige Angelegenheit, vor lauter Langeweile fängt man an, sich zu betrinken, und wenn man dann auf Klo muß, lassen einen die Wirte nicht oder wollen einen Euro haben. Dann ist es ja meistens ziemlich kalt, die Musik schrecklich …
    aber gut, wenn Du auf sowas stehst, machen wir mal einen Wohnungstausch – allerdings mußt Du dafür erst nach Berlin umziehen ;), nach Hannover will ich nicht, da habe ich schon mal gewohnt für ein halbes Jahr.

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  4. Geht nicht, ich habe keinen Koffer in Berlin. Wenn ich doch mal irgendwann im Leben nach Berlin ziehen sollte, dann müßtest Du Jahrelang warten, bis ich da dann mal weg will. Muß mir ja erst alles gründlich ansehen und so wichtig ist mir das mit dem Karneval nicht, mein Wunsch ist da eher halbherzig und meine Gefühle zwiespältig. Schöntrinken kann ich mir das nicht, trinke nix.

    Hast Du was gegen Hannover???

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  5. Eigentlich nicht, aber außer dem Sprengelmuseum, zu dessen Besuch ich sogar mal extra hingefahren bin, als ich schon lange nicht mehr dort wohnte, zieht mich auch nichts hin. Hannover ist keine Stadt, über die ich ins Schwärmen geräte, auch wenn ich es nicht schlecht fand, als ich dort (vor über 20 Jahren) wohnte.

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  6. Die Geschmäcker sind halt verschieden, mir hat es in Köln nicht so gut gefallen, zu groß, zu voll, zu Domig. Hübsches Wort, woll?
    Da haben wir uns damals ja nur knapp verfehlt. Vor etwas mehr als 20 Jahren bin ich da erst hingezogen. Vorher fand ich Hannover doof, jetzt wohne ich ganz gern hier, vor den Toren, allerdings.
    Schwärmen täte ich nur für Orte in Nordfriesland, ich liebe das Meer (die Nordsee zuerst).

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  7. Oooohh, das habe ich gerade erst gelesen, das macht Dich zu einen meiner liebsten Blogfreunde!!!!!
    Nein, einen bestimmten Ort gibt es nicht in Deutschlands Norden, nördlich von Hamburg ist mir alles recht, aber meine Lieblingsecke ist Römö.

    Schande auf Dein Haupt, wie kann man von da wegziehen, des schnöden Mammons wegen? L´Amour würde ich noch gelten lassen, da machen wir Männer schon mal komische Sachen.

    Ich würde da für mein Leben gerne hinziehen, aber der schnöde Mammon ist da zur Zeit ein Hinderungsgrund.

    Aber wenn Du mir genug Bilder abkaufst…

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  8. Es war eine „L’amour fou“, die schon bald zu Ende war, und Abenteuerlust: Als junger Mensch fühlt man sich doch lebendig begraben, Meer und Landschaft hin oder her. Inzwischen fahre ich natürlich ganz gern mal wieder hin, aber die Nordsee ist groß, es muß nicht unbedingt der selbe Ort ein. Eins weiß ich inzwischen aber auch genau: Ich bin ein Meer-Typ.

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