Reformation II

Heute vor 500 Jahren hat Martin Luther seine 95 Thesen an eine Kirchentür genagelt, so wird es jedenfalls behauptet. Deswegen war das vergangene Jahr ein sogenanntes „Luther-Jahr“ mit allerlei Veranstaltungen, die an mir glücklicherweise sämtlich klanglos vorbeigegangen sind. Im Vorfeld hatte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) entschieden, eine 7,5cm hohe Playmobilfigur als „Reformationsbotschafter“ anzubieten, aber nicht in Spielwarengeschäften, sondern nur in Einrichtungen der EKD und in der Nürnberger Tourismus-Zentrale (warum ausgerechnet da, ist mir ein Rätsel).

Foto: gemeinfrei (Albers Heinemann)

Laut Aussage des Herstellers ist nun diese wie ein Pfarrer gekleidete Figur mit Federkiel in der Hand die erfolgreichste in der Geschichte der Firma, keine sonst verkauft sich so gut. Das wiederum ruft den evangelischen Pfarrer Hans Mörtter von der Lutherkirche in der Kölner Südstadt auf den Plan: Sich als Luther II wähnend, geißelt er die „Kommerzialisierung des Reformators“ und seine Reduzierung zu einem bloßen Spielzeug und ruft deshalb heute eine „Reformation II“ aus. Zusammen mit dem Künstler und Kurator seiner Kirche, Rochus Aust, hat er sich eine Aktion ausgedacht, die die Welt vermutlich in ähnlicher Weise erschüttern wird, wie die erste Reformation vor 500 Jahren. Am Ende der Aktion wird er weitere drei Thesen an seine Stirn tackern verkünden.

Ich zitiere aus dem Kölner Stadtanzeiger:

„… 95 Thesen waren es, die der Reformator der Überlieferung zufolge am 31. Oktober 1517 an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg nagelte. An diese Zahl anknüpfend haben Mörtter und Aust sich eine breit angelegte, konzertierte Aktion ausgedacht. Seit Freitag werden stundenweise an 95 europäischen Orten Playmobil-Luther auf eine heiße Platte gesetzt und zum Schmelzen gebracht. Die Masse wird in eine metallene Form des Buchstabens, mit dem der Name der jeweiligen Stadt beginnt, gegossen, ob in Rom, Calais, Belfast, Dublin oder Münster, ob in Paris, Liverpool, München, Lissabon oder Zürich. Auch in Köln, zum Beispiel in Deutz und Nippes. Acht Helfer bringen die Buchstaben „sternförmig nach Köln“, sagt Aust.

Wenn alles klappt, sind alle Teile beisammen, wenn Mörtter am 31. Oktober um 12 Uhr auf dem Chlodwigplatz die „Reformation II“ verkündet. Motto: „L95 – 95 Stunden – 95 europäische Orte – 95 Buchstaben – 1 These“. Vom Platz aus geht es in einer Prozession über die Merowinger Straße zur Lutherkiche, begleitet von etwas, das Aust als „religiösen Lärm“ beschreibt; absichtlich vermischen sich die Laute unterschiedlicher Religionen wie etwa Glockengeläut, Muezzin-Rufe und die Klänge des Schofahorns, das rituellen Gebrauch im Judentum findet.

Im Atrium der Lutherkirche werden die zusammengetragenen Buchstaben im Kreis ausgelegt. Als – so Mörtter – „grundmenschliche Aussage, an der niemand vorbei kann“, ergibt sich: „Für uneingeschränkbare Nächstenwürde mit respektvollster Menschenliebe und grenzenlosestem Grundvertrauen“…“. (Kölner Stadtanzeiger, 29.10.2017)

PS: Natürlich weiß auch Herr Mörtter, daß es bei einem grenzenlosen Grundvertrauen ein noch grenzenloseres Grundvertrauen nicht geben kann, die Grenzen sind ja schon weg, und ebenso läßt sich „voll“ nicht steigern – voller als voll läuft immer über, auch, wenn es um Respekt geht, aber er will halt irgendwie das alles nochmal besonders betonen, der Herr Mörtter: Wenn man mit Verstopfung auf dem Klo sitzt und noch mal so richtig dollstens preßt – vielleicht kommt dann noch was! Bei ihm hat’s funktioniert.