Verspiegelte Häuser erlauben genau die Funktionalität, die sich ökonomisch denkende Bauherren von glatten Fassaden wünschen, schmarotzen gleichzeitig aufs Angenehmste von den umgebenden Gebäuden, allerdings nicht, ohne sich zu rächen: Spiegelfassaden scheinen sich lustig zu machen über das, was sie spiegeln. Ich kann mich kaum davon lösen, immer neue Aus- und Einsichten eröffnen sich beim langsamen Vorübergehen.
Schlagwort: Neustadt Süd
Zülpicher Str./Ecke Kyffhäuser Str.
Die Kneipe „Filmdose“ liegt im Herzen des Quartier Lateng, dem Studentenviertel. Sie wurde 1975 von Walter Bockmayer eröffnet, der hier ein kleines Travestie-Theater betreibt. Am Wochenende wird noch heute ein kleiner Teil der Kneipe abgetrennt und für ein Minipublikum (ich schätze mal: Nicht mehr als 50 Personen, eher weniger) werden vor stets ausverkauftem Haus Stücke aufgeführt, die teilweise auch verfilmt wurden, z.B. „Die Geierwally“. Schauspieler und Entertainer wie Ralph Morgenstern, Samy Orfgen, Dirk Bach, Hella von Sinnen und – man lese und staune – Veronica Ferres verdienten sich hier ihre ersten Sporen.
Das Essen ist mittelmäßig bis gut, aber immer günstig, bravo.
Mein Freund, der Baum, ist tot …
Als ich vor ein paar Jahren in meine Wohnung zog, war ein ausschlaggebender Punkt der, daß ich aus meinem Fenster im dritten Stock in eine Baumkrone sah: Ein riesiger Ahorn war höher als das Haus, bot Schutz vor Blicken und den Vögeln einen Rastplatz, wankte heftig bei starkem Wind, im Frühjahr überprüfte ich täglich am Blattwachstum, wie weit wir schon waren auf dem Weg zum Sommer. Nun ist er weg. Krank, wie es heißt, obwohl er vielleicht noch fünf bis zehn Jahre geschafft hätte, gefährdete er wegen möglicher morscher Äste das Leben von Autos. Der Blick aus dem Fenster sieht jetzt so aus (s.u.). Ob ich die Miete mindern kann?
Eine Großstadt ohne Bäume ist häßlich und leer. Deshalb fällt ihre immanente Unwirtlichkeit im Winter besonders auf.
Grüngürtel
Diese Plastik steht auf dem leicht hügeligen Teil des Grüngürtels. Als man nach dem 2. Weltkrieg nicht wußte, wohin mit dem ganzen Schutt, nahm man die erst beste freie Fläche, den zentrumsnahen Grüngürtel. Der Schutthügel wurde begrünt, an seinen Hängen lagert im Sommer gern die versammelte Studentenschaft und grillt.
Die Plastik von Lajos Barta (1889 – 1986) heißt „Uralte Form“, ist 3 Meter hoch und wurde 1984 aufgestellt. Ein Kritiker beschrieb Bartas Skulpturen so: „Sie sind religiöse Botschaften, ein Erobern des unbewohnten leeren Raumes, getragen von einer transzendentalen Sehnsucht, die, ohne die eigenen Seinsbedingungen zu verleugnen, eine neue, noch nicht erfahrene Wirklichkeit jenseits des eroberten Raumes sucht.“ (Schmidt-Mühlisch). Na ja, meinetwegen. Oder vielleicht auch ganz anders.
Roonstr., Bar
In den letzten Jahren hat es in der Stadt einen wahren Boom an Cocktail-Bars gegeben, die immer gut besucht sind. Viele heißen irgendwas mit Cuba: Cuba-Bar, Cubana-Bar, Cubanita-Bar. Mir fallen spontan fünf Bars ein, die immer mit dem roten Stern und dem Portrait von Che Guevara werben, wahrscheinlich gibt es noch mehr. Auch die Inneneinrichtungen sind entsprechend gestaltet: Rote Wände und überlebensgroße Bilder von Che. Auf den Getränkekarten stehen gesalzene Preise (8 – 10 Euro), allerdings haben die Bars wegen der großen Konkurrenz ihre „Happy Hours“, in denen früher zwischen 17 und 18 und zwischen 1 und 2 Uhr die Cocktails nur die Hälfte kosteten, ausgedehnt: Die „Happy Hour“ geht jetzt durchgehend von 19 – 2 Uhr morgens, die Preise haben sich, je nach Lage der Bar, zwischen 3,50 und 4,50 eingependelt. Nach meinen Beobachtungen ist es ganz erstaunlich, welche Mengen an ja doch recht starken Getränken hier getrunken werden.
Aber es gibt auch Kölsch, der Ureinwohner hält das für Bier.
Lindenstr.
Hier gibt es den besten Kuchen in der Stadt – sagt jedenfalls ein Freund von mir, der sich nicht scheut, auch mal eine halbe Stunde mit der Straßenbahn zu fahren, wenn er hört, daß irgendwo in einem Vorort ein neues Café geöffnet hat. Der muß es also wissen. Aber so ein Urteil ist natürlich subjektiv, es gibt sicher auch woanders leckeren Kuchen, ich bin nur froh, daß das Café Braun bei mir um die Ecke ist: Was gibt es sonntagnachmittags besseres, als nach einem langen Spaziergang im herbstlich kühlen Wetter auf dem Rückweg Kuchen von Café Braun mitzunehmen, um es sich zu Hause in der warmen Stube bei Milchkaffee oder Tee und einem großen Stück Torte „Birne Helene“ gemütlich zu machen?!
Zülpicher Str., Karneval
Wer glaubt, Karneval dauert drei Tage und dann ist der Spuk vorbei: Weit gefehlt, er beginnt am 11.11. eines jeden Jahres und hört am Aschermittwoch des Folgejahres auf. Da Aschermittwoch den Beginn der Fastenzeit vor Ostern markiert, richtet sich die Dauer der Karnevalszeit nach den beweglichen Festen, und da Ostern/Pfingsten im nächsten Jahr schon sehr früh liegen, ist auch der Karneval beglückenderweise bereits am 6. Februar schon wieder zu Ende.
Nachdem ich gestern relativ lieblos das Pflichtfoto gemacht habe (eigentlich war ich auf der Suche nach ganz furchtbar Abscheulichem, was dieser Tage aber normal ist – wildfremde Menschen, die sich bierselig mehrere Stunden in den Armen liegen und zu grauenhafter Musik das machen, was man Schunkeln nennt, später dann, quasi im Anschluß, kotzende Karnevalisten an jeder Ecke oder achtlos aufgetürmte Müllberge, Flaschenscherben etc.), machte ich mich schleunigst aus dem Staub und fand am Aachener Weiher diese schönen Rosen, keine Ahnung, warum die jetzt noch blühen. Aber sie geben mir Zuversicht: Wenn die den schon sehr kalten November überstehen, werde ich doch wohl ein paar Monate diese absurde organisierte Volksbelustigung ertragen. Und zu den tollsten Tagen im Februar hau ich sowieso ab, wie jedes Jahr.
Roonstr.
Diese Straße war früher zweispurig und recht ruhig, bis die Stadtväter (und wohl auch ein paar -mütter) auf die Idee kamen, den Bereich, durch den der Durchgangsverkehr Richtung Westen sonst ging, zu entlasten. Also wurde sie zur vierspurigen Umgehungsstraße ausgebaut – Pech für die Anwohner. Zwischen den Ampeln dient sie einigen Autofahrern auch gern mal als Rennstrecke. Sonntags (s.o.) kann man erahnen, wie ruhig es früher immer war.
