Stunksitzung

Im offiziellen Karneval der Karnevalsvereine (das ist eine todernste Sache!) finden sogenannte Prunksitzungen statt, also das, was viele Leute aus dem Fernsehen kennen: Oben sitzt der Präsident mit Elferrat, unten das geneigte Publikum, an der Seite die Kapelle, die immer dann einen Tusch spielt, wenn das Publikum lachen soll über die faden Witzchen der jeweils Vortragenden. Im Jahr 1984 griffen ein paar engagierte Studenten (unter ihnen der Kabarettist Jürgen Becker, den man von der WDR-Sendung Mitternachtsspitzen kennt) die Idee auf und kreierten die Stunksitzung, die nicht nur den erstarrten Kanevalbürokratismus, sondern auch Kirche, Politik und Gesellschaft mit anarchischem und oft gewollt geschmacklosem Witz durch den Kakao zog. Inzwischen hat sich die Idee ein bißchen leer gelaufen: Die Stunksitzung ist nun fester Bestandteil des Karnevalgeschehens, altehrwürdige Karnevalsvereine besuchen die Veranstaltung en bloque und amüsieren sich köstlich darüber, daß sie auf den Arm genommen werden.
Waren die Stunksitzungen (über 40 pro Session) zu Anfang bitterböse Abende für den schwarzhumorigen Karnevalshasser, geht heutzutage kaum noch jemand ohne Verkleidung hin und schunkelt begeistert mit. Bäh!
Man könnte auch hier vom Verfall der Subkultur durch Assimilation in die kapitalkräftige Mainstreamkultur sprechen, obwohl die Beteiligten weiterhin versuchen, ihr Bestes zu geben.
Und eine Jugendorganistion gibt es inzwischen also auch – wie bei den Offiziellen.

Grüngürtel

Rosen

Wenn erst die Rosen verrinnen
aus Vasen oder vom Strauch
und ihr Entblättern beginnen,
fallen die Tränen auch.

Traum von der Stunden Dauer,
Wechsel und Wiederbeginn,
Traum – vor der Tiefe der Trauer:
blättern die Rosen hin.

Wahn von der Stunden Steigen
aller ins Auferstehn,
Wahn – vor dem Fallen, dem Schweigen:
wenn die Rosen vergehn.

Gottfried Benn

Innenstadt

Tausendfach werde ich hier gefragt, wie den diese Stadt aufgebaut ist, Altstadt-Nord und -Süd, Neustadt-Nord und -Süd – wie soll man sich das vorstellen? Wie man sieht, hat sich die Stadt (auf dem Bild sieht man den Teil, den man Innenstadt nennt) ringförmig entwickelt, oder besser halbringförmig, denn das Rechtsrheinische wurde immer schon stiefmütterlich behandelt: Von da kamen in der Römerzeit die wilden Germanen, später die bösen Hunnen und Goten, die rechtsrheinisch sowieso immer alles kaputt gemacht haben, und noch viel später hatte man Angst vor den Russen. Der Fluß bildete also schon immer ein natürliches Bollwerk gegen die Gefahr aus dem Osten.
In der Mitte teilt eine breite Straße die Stadt horizontal in Nord- und Südteil, die wiederum jeweils durch die Ringstraßen in Neu- und Altstadt geteilt werden. Ganz links sieht man den Aachener Weiher.

Aachener Str. (Innenstadt)

Der Oberbürgermeister, das ist schon so einer. Nett gemeint natürlich von der PR-Abteilung, aber ob die zwangsumgesiedelten Hartz-IV-Empfänger sich darüber freuen, wie das an ihnen eingesparte Geld ausgegeben wird? Aber es ist ja Weihnachten, nur Miesepeter und Spielverderber fragen da nach … fettes Fest, Herr Oberbürgermeister!

Im Übrigen schließe ich mich ihm natürlich an: Allen Menschen (nicht nur dieser Stadt) friedliche freie Tage. 

U-Bahn

Das ist der geplante Verlauf der neuen Nord-Süd-U-Bahn, die schon seit einiger Zeit für viele Baustellen und Verkehrschaos in der Stadt sorgt und 2010 fertig sein soll. Warum sie gebaut wird, ist mir schleierhaft, diese kurze Strecke lohnt den Aufwand nicht, und zur Verkehrsberuhigung wird sie auch nicht beitragen. Ich vermute, der Hauptgrund ist der, daß dieses Projekt jede Menge Geld kostet und Arbeitsplätze garantiert, und das ist das, wovon unsere Wirtschaftskultur lebt. So macht es auch gar nichts, daß die ursprünglich auf 700 Millionen Euro geschätzten Kosten inzwischen auf 1,1 Milliarden Euro gestiegen sind, einmal angefangen, wird das auch zu Ende geführt. Und, was die Finanzierung betrifft, ist das wahrscheinlich auch nicht das Ende, da kommt noch was drauf …
Erinnern Sie sich noch? Dieser
Kirchturm wäre fast umgefallen wegen der Grabungen.

Aachener Weiher

Unbekümmert vom Großstadtlärm zieht er seine Kreise …

Der Schwan
Diese Mühsal, durch noch Ungetanes
Schwer und wie gebunden hinzugehn,
Gleicht dem ungeschaffnen Gang des Schwanes.

Und das Sterben, dieses Nichtmehrfassen
Jenes Grunds, auf dem wir täglich stehn,
Seinem ängstlichen Sich-Niederlassen – :

In die Wasser, die ihn sanft empfangen
Und die sich, wie glücklich und vergangen,
Unter ihm zurückziehn, Flut um Flut;
Während er unendlich still und sicher
Immer mündiger und königlicher
Und gelassener zu ziehn geruht.

Rainer Maria Rilke, 1906

Moltkestr.

Ho,ho,ho … es ist doch noch gar nicht Nikolaus! Aber darauf kommt es mir auch gar nicht an, ich möchte nur zeigen, daß es auch in der Großstadt Privathaushalte gibt, die keine Mühen und Kosten scheuen, ihren Mitbürgern mit großformatigem Weihnachtskitsch auf die Nerven zu gehen. Quot erat demonstrandum.

Lützowstr.

Man könnte viel sinnieren über den Zusammenhang von Werbung und Kunst der Moderne (das Plakat läßt auf den ersten Blick viele wahrscheinlich eher an Haarkosmetika denken), auf diesem Werbeplakat jedoch, das z.Z. überall in der Stadt zu sehen ist und besonders gut in den drei Meter hohen und von innen beleuchteten Schaukästen zur Geltung kommt, macht die Kunst nur für sich selbst Reklame.
Ich finde, die Stadtverwaltung sollte das dauerhaft so machen: Als ständige Wechselaustellung sollten für jeweils zwei Wochen immer neue Reproduktionen von Kunstwerken in den Schaukästen aushängen, so kommt Farbe ins Straßenbild, man freut sich und ist gespannt auf das nächste, man wird vielleicht neu- und wißbegierig. Aber nein – bald werden wir wieder darüber informiert, daß irgendeine x-beliebige hiesige Biersorte besser schmecken soll als alle anderen. Dabei wissen alle ganz genau, daß keine einzige die Bezeichnung ‚Bier‘ verdient …