Towel Day

… oder Handtuchtag ist heute, am 25.05. Er erinnert an die aus fünf Bänden bestehende vierbändige Trilogie „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams. Was man unbedingt immer dabei haben sollte, wenn man so reist, ist ein Handtuch – könnte man auch heute und hier gut gebrauchen: Wenn man sich unbedingt mal wieder umarmen will, wickelt man sich einfach in sein Handtuch ein, schon ist man geschützt. Gesichtsmaske vergessen, und der Türsteher am Supermarkt läßt einen nicht hinein? Kein Problem, mit einem gezielten Schnalzer haut man dem das Handtuch um die Ohren, daß ihm Hören und Sehen vergeht, und schon hat man freien Zutritt … nein quatsch, macht das besser nicht. Man schlingt sich das Handtuch einfach über die untere Gesichtshälfte – voilà.

Das „Thüringer Kompetenznetzwerk Datenmanagement“ an der Universität Erfurt wirbt an diesem Tag besonders für die Präregistrierung von Forschungsprojekten. Normalerweise ist es in der Wissenschaft so, daß die Projekte dann veröffentlicht werden, wenn Ergebnisse vorliegen. Wenn das Projekt, aus welchen Gründen auch immer, vorher abbricht, sind alle Erkenntnisse, die man bis dahin gesammelt hat, verloren. Ein abschreckendes Beispiel gibt es im „Anhalter“: „42“ war die Antwort eines Supercomputers nach Millionen von Jahren auf die Frage „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“. Da damit keiner etwas anfangen konnte, gab der Computer den Rat, sich den genauen Wortlaut der Frage anzusehen – daran konnte sich aber niemand mehr erinnern. Also baute man einen neuen Supercomputer, der „Erde“ genannt wurde, um die Frage zu ermitteln. Es vergingen wieder einige Jahre. Fünf Minuten, bevor die Erde das Resultat mitteilen konnte, wurde sie für eine Raumschiffumgehungsstraße gesprengt, der kosmische Bautrupp war einfach nicht unterrichtet. Alle Erkenntnisse und Zwischenergebnisse waren zerstört. Das, so das Erfurter Kompetenznetzwerk, hätte man vermeiden können – durch Präregistrierung: Egal, wie das Projekt endet, eins vergißt man nie: Wie die Frage ganz zu Anfang lautete.

Spaziergänge in Zeiten von Corona (4)

Besorgte Bürger beim Gespräch mit dem Corona-Beauftragten der Stadt. Ja, so jemanden hat nicht jeder. Die Lage ist aber auch unübersichtlich: Ein Virus, das es gar nicht gibt, wurde wahlweise in chinesischen oder amerikanischen Labors gezüchtet und wird durch 5G-Mobilfunkmasten aktiviert, weshalb man sie unbedingt abfackeln muß. Bill Gates, der die Weltgesundheitsbehörde (WHO) in Genf gekauft hat, will einerseits viel Geld mit einem Impfstoff verdienen, wofür er das Virus überhaupt in die Welt gesetzt hat, andererseits will er mit einer von ihm verordneten Zwangsimpfung einen Chip in die Menschen transplantieren, um die Weltherrschaft zu übernehmen, unter Umständen im Auftrag einer geheimen (jüdischen?) Untergrundweltregierung („deep state“) – wirklich wahr, ich sah jemanden herumlaufen mit einem Schild „Gib Gates keine Chance“, in Anlehnung an den Slogan „Gib Aids keine Chance“. Und am 15. Mai ruft die Bundesregierung eine Diktatur aus, sagt ein durch das Fernsehen bekannter Koch.  Also Morgen (schnell nochmal Klopapier kaufen, bevor es wieder wochenlang keins gibt). Wie wird das ablaufen? Stellt sich die Kanzlerin, wie einst Philipp Scheidemann, an ein Fenster und ruft mit ihrer dünnen Stimme: „Ich rufe die Diktatur aus!“? Im Bundeskanzleramt? Ich befürchte, da wird sie keiner hören, da halten sich meist nur wenig Leute auf. Ich glaube, das wird nichts. Für eine Diktaturausrufung braucht man mindestens eine Stimme wie die von Söder. Und der hat’s nicht nötig, weil er im Moment (irrerweise) eh hoch angesehen ist, das wird er nicht riskieren wollen.

Das ist auch bekannt als Ursache-Wirkung-Prinzip, vor über 2000 Jahren hat Aristoteles darüber bereits philosophiert, aber wenn man ein paar fernöstliche Schriftzeichen darunter setzt, sieht es gleich ungeheuer bedeutend aus. „Denkschrott als erlesene Kostbarkeit […] präsentieren“ (W. Pohrt) – darin übte sich jüngst auch der Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble: „Die [Würde des Menschen] ist unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen.“ Ah ja. Es folgten – keine chinesischen Schriftzeichen, sondern heftige Diskussionen darüber, was das für Corona-Opfer bedeutet. Der Grünen-Vorsitzende Habeck sprach bewundernd von „Altersweisheit“ (was nicht für ihn spricht). Der grüne Oberbürgermeister von Tübingen Boris Palmer legte nach: Wieso soll man Leute behandeln und retten, die wahrscheinlich sowieso in einem halben Jahr sterben, weil sie über einem bestimmten Alter liegen – was für eine Verschwendung an Ressourcen, zu Lasten anderer, die es vielleicht nötiger haben! Hau weg den Scheiß, die Alten haben schließlich schon lange genug gelebt, nehmen den Jüngeren den Lebensraum und blockieren wirtschaftlichen Wohlstand. Der australische Philosoph Peter Singer argumentiert ähnlich: Sollten sich die Alten nicht die Frage stellen, ob sie, die doch ein erfülltes Leben gelebt hätten, sich nicht vielleicht opfern, damit die Wirtschaft, und damit der Wohlstand einer ganzen Gesellschaft, wieder prosperieren kann? Ja, das ist nicht schön, daß eineR, der oder die sich so gerade über Wasser halten konnte, nun seine oder ihre Arbeit verliert, nur damit jemand, der 60 oder mehr Jahre alt ist, weiterleben kann. Egoisten! Wo ist da die Opferbereitschaft? Die naheliegende Frage, ob da vielleicht was am kapitalistischen System nicht stimmt, wird nicht gestellt. In Deutschland sind die „Egoisten“ über 23 Millionen Einwohner, über ein Viertel der Bevölkerung. All die, die eine entdeckte oder unentdeckte Vorerkrankung haben und unter 60 sind, sind noch nicht mitgezählt: Asthma, Herz-Kreislauf, Krebs, Aids, Adipositas, Diabetis – tja, das Leben ist endlich, so ist das nun mal, und Geschäfte müssen weiterlaufen, sonst verdienen die Reichen … äh, die Leute ja nichts mehr. Die Immobilienkonzerne machen sich inzwischen ernsthaft Sorgen um ausbleibende Mieten – irgendwann muß man die Leute rausklagen, nein, was für ein Ärger!

Schon früh wurde gewarnt und gemahnt angesichts den Einschränkungen der Grundrechte. Jacob Augstein, der Herausgeber der Wochenzeitung „Der Freitag“, wunderte sich, wie widerspruchslos die deutsche Bevölkerung das hinnahm. Andere Intellektuelle, wie beispielsweise die Autorin Julie Zeh, bliesen ins gleiche Horn. Und sie haben recht, man muß aufpassen: Sehr schnell (und überflüssigerweise) zog der NRW-Ministerpräsident Erwin Laschet eine Notverordnung aus dem Hut, nach der Ärzte im Falle einer Pandemie zum Dienst zwangsverpflichtet werden sollten; Gesundheitsminister Spahn plante eine personalisierte Corona-App mit genau nachvollziehbaren Bewegungsmustern. Beides ist gescheitert, was einerseits zeigt, daß die demokratischen Kontrollmechanismen funktionieren, andererseits jedoch auch belegt, wie schnell Politiker bereit sind, Gesetze in einer Notlage zu erlassen, die dauerhaft Grundrechte einschränken. Leider lassen die Kritiker eine Alternative meist vermissen: Wie, bitte, soll man denn umgehen mit dem Virus ohne behördliche Einschränkungen?

An die Vernunft der Bevölkerung appellieren? Wir brauchen uns doch nur die tausenden Idioten anzuschauen, die in Stuttgart und anderswo gegen Bill Gates demonstrieren, um zu wissen, daß das nicht funktioniert. Die Leute wollen endlich wieder ungehindert ihren Tätigkeiten nachgehen (durchaus verständlich, wenn sie damit ihren Unterhalt verdienen), und sie wollen feiern, also zusammen saufen und grillen, und shoppen, wenn das nicht geht, fühlen sie sich in ihrer Freiheit in einem unerträglichen Maß eingeschränkt. Das Virus feiert dann mit.

Oder, ein weiter Vorschlag: Wir schützen die Angehörigen der Risikogruppe, damit alle anderen risikofrei wirtschaften können – und dabei automatisch eine Herdenimmunität erzeugen. Hurra, alles wird wieder wie vorher, die Geschäfte laufen wieder, hoffentlich. Aber wie schützen wir die Risikogruppe? Durch Isolation – wie gesagt, über 23 Millionen, weit über ein Viertel der deutschen Bevölkerung. Wie will man das schaffen, wenn man es nicht mal hinkriegt, Altersheime virenfrei zu halten?

Ich befürchte, uns wird nichts anderes übrig bleiben, als bis zur Entwicklung eines Impfstoffes vorsichtig zu bleiben. Wenn auch nur die geringe Möglichkeit besteht, daß eine Maske in Supermärkten und öffentlichen Verkehrsmitteln hilft, dann sollten wir eine tragen. Bis jetzt halte ich das Vorgehen der Bundesregierung für vernünftig, verhältnismäßig und erfolgreich. Man braucht ja nur die Anzahl der Verstorbenen mit denen aus anderen Ländern zu vergleichen. Was mir eher Sorgen macht, sind die neoliberal-schnellen wirtschaftsfreundlichen Lockerungen der Ministerpräsidenten. Wir können nur hoffen, daß eine zweite Welle ausbleibt. Ich bin sehr skeptisch.

„Frage: Was ist schlimmer als eine Voraussage, die nicht eintrifft?
Antwort: Eine Voraussage, die sich schneller als erwartet erfüllt.“
(Frederik Pohl: Rückkehr nach Gateway)

Spaziergänge in Zeiten von Corona (3)

So, auch dieser Laden wird ab heute wieder geöffnet haben für kopf- und besinnungsloses Shoppen. Wer in den letzten Wochen darunter gelitten hat, sich keine neuen Shorts oder Schuhe kaufen zu können, kann endlich wieder zuschlagen. Primark, liebe Kinder, hat allerdings noch geschlossen, ihr solltet eure T-Shirts also vielleicht doch mal waschen und ein zweites Mal tragen, wenn die Klamotte das aushält, mit Billignachschub aus Fernost könnte es auch nach Corona eine Zeitlang hapern.

Das Café im Funkhaus am Walllrafplatz scheint sich allerdings auf eine längere Pause eingestellt zu haben. Erscheint mir vernünftig.

Wer unbedingt neue Dinge haben möchte, dem oder der empfehle ich, den Blick nach unten zu richten während des Spaziergangs: Viele Leute misten aus, halten die Dinge aber noch für gut genug, daß vielleicht noch jemand anderes sie gebrauchen könnte.

Einige Leute zeigen dabei ein recht sonniges Gemüt.

Hier kann man sich auch bedienen (da hängen sogar zwei Jacken und ein Schal), allerdings nur, wenn man bedürftig ist.

Um ganz andere Bedürfnisse geht es hier. Aus Vorsicht vor Ansteckung darf auf dieser Baustelle immer nur eine Person auf die Toilette gehen. Klar, ist ja allgemein bekannt, daß Bauarbeiter immer gern zu mehreren gleichzeitig ein Dixiklo besuchen.

Grundsätzlich hat man vielleicht auch nichts dagegen, allerdings wird es schwierig mit dem Mindestabstand. Schildergestalter machen wahrscheinlich zur Zeit ein ganz gutes Geschäft.

Leider gibt es auch immer wieder Geschäfte, in denen man sich als Krisengewinnler versucht. Unanständig ist noch milde ausgedrückt, verachtenswert ist der angemessenere Begriff.

Herrlich ist es, mal am Rheinufer auf Altstadthöhe spazierengehen zu können, ohne Tausenden von Touristen ausweichen zu müssen. Als Ausgleich hat die Stadt Köln überall so kleine Absperrungen aufgestellt, damit man sich gar nicht erst an das Gefühl von Raumfreiheit gewöhnt. Die ganze Stadt scheint übersät zu sein von diesen rotweißen Absperrbaken, direkt vor meinem Haus stehen seit zwei Wochen auch welche. Merkwürdig. Homeoffice scheint in der Verwaltung ungeahnte Aktivitäten freizusetzen.

Es gibt Opfer der Corona-Krise, um die tut es mir nicht leid. Damit meine ich natürlich nicht den Jungen, sondern die Firma, die mit diesem Motiv der Völlerei für sich wirbt. Allerdings war die Restaurantkette schon vorher auf der Kippe, habe ich gelesen, die europaweite Schließung der Filialen hat ihr nun schon in der ersten Woche den Rest gegen, sie hat Insolvenz angemeldet.

Fast jeder, der unter reduzierten Einnahmen zu leiden hat, führt als erstes die Miete an: Wie soll man die bezahlen, wenn man nebenbei auch noch leben will? Die horrend gestiegenen Mieten sind für viele der größte Ausgabeposten, nicht selten betragen sie über 50% der Einkünfte, und wenn die dann noch auf 67% gedrückt werden, steigt der Mietanteil ins Unbezahlbare. Selbst, wenn einem zur Zeit nicht gekündigt werden kann, irgendwann ist das Geld fällig, und bis dahin läuft man mit einem erdrückenden Schuldenberg herum. Mieten müßten komplett reguliert werden, da die meisten Vermieter schon längst vergessen haben, daß Eigentum grundgesetzlich verpflicht: „Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“, steht da, und nicht: Der Eigentümer kann sich rücksichtslos auf Kosten der anderen die Taschen vollstopfen.

Aber Mietstreik? Wie geht das? Einfach nicht mehr zahlen? Und wenn dann der erste Mahnbescheid kommt? Die Räumungsklage? Das Umzugsunternehmen unter Polizeibegleitung? Sagt man dann: Moment mal, ich streike! – und alles wird gut? Mietstreik, also … – erscheint mir unausgereift, diese Idee.

Hier sind noch ein paar Vorschläge, die ich für ernsthaft bedenkenswert halte, wenn auch in absehbarer Zeit mit wenig Chancen auf Umsetzung. Aber dennoch zeigen die Aufforderungen die Richtung an, in die es gehen muß, andernfalls wird die Corona-Krise nicht die letzte sein, in die uns unser Wirtschaftsgebaren bringt.

Spaziergänge in Zeiten von Corona (2)

„Papier? Ist mein Geschäft“, sagte sich wohl der Besitzer dieser Fachhandlung für Bürobedarf, kaufte ordentlich ein beim Großhandel – und dann haben sie ihm den Laden dichtgemacht. Geschieht ihm recht, jedenfalls wenn das Klopapier so überteuert ist wie die Seife, die zu Anfang ja auch Mangelware war: Eine Flasche Flüssigseife kostet hier über das Vierfache des Preises im Drogeriemarkt.

Hier wird gar keiner mehr gefüttert, ob Hund oder Mensch, da hilft kein Betteln.

Knollendorf, so heißt nicht nur eine Kneipe, sondern auch der fiktive Ort, in dem die Geschichten des traditionsreichen Stockpuppentheaters „Hänneschen-Theater“ stattfinden. Die Figuren stellen jeweils satirisch überspitzt kölsche Typen dar, weshalb nicht wenige sagen: Knollendorf ist Köln – und das hat zu.

Trotz der Kontakteinschränkungen sind die Parks bei diesem schönen Wetter gut besucht, aber nur ganz selten sieht man mal Dreiergruppen, die meisten Leute halten sich wirklich an die Anordnung und sind allein oder zu zweit.

Schlechte Zeiten für Flaschensammler, wenn keine Gruppen mehr mit Wegebier durch die Straßen ziehen. Eine solche Ansammlung ist ein kleiner Glückstreffer.

Keine Biergärten, keine Cafés, überhaupt keine Außengastronomie, das ist doch langweilig, wenn man sich so gar nichts gönnen kann. Aber die Eisdielen haben geöffnet. Vor allen Eisdielen, die wir auf unserem Spaziergang gesehen haben, bilden sich so lange Schlangen, wie ich es noch nie vorher gesehen habe. Da kann man nur hoffen, daß das Personal gesund ist („*haaaatschi* – tschuldigung, was ham Sie gesagt, zwei Kugeln oder drei?“).

Hier werden am offenen Fenster Cocktails verkauft, „Cocktail to go“ sozusagen. Verrückt, aber das Geschäft scheint gut zu laufen.

Bitteschön – es ist nicht alles verboten. „Stronger together“, also stärker zusammen, aber eigentlich schon, es sei denn, das ist mehr ideell gemeint.

Käse, darauf möchte ich aber unbedingt hinweisen, hat keine antivirale Wirkung, auch wenn dieses systemrelevante Käsegeschäft das nahelegt. Und wie ist das mit anderen Zeiten, können die ruhig mit schlechtem Käse verbracht werden? Okay, ich will mal nicht so streng sein, die Zeiten sind schlecht genug für den Einzelhandel, da hat so ein Klugscheißer wie ich gerade noch gefehlt.

„Komm her, du, ich stech dich ab!“ Ich befürchte, das wird nicht funktionieren. Aber mit einem Holzschwert in der Wohnung herumzustechen verschafft wenigstens etwas gymnastische Bewegung, kann also auch nicht schaden.

Der Gipfel der Dummheit: Ein Aushang an einem esoterischen Institut, wo man, wenn es geöffnet ist, Meditationsworkshops und Selbstfindungsseminare für viel Geld buchen kann: Man soll Salbeibündel verbrennen, um gegen das Virus vorzugehen, weil das die Indianer auch gemacht habe. Hat ihnen ja super geholfen, als ihnen der weiße Mann mit dem Pockenvirus verseuchte Decken geschenkt hat, um sie auszurotten. Leute, macht das auf keinen Fall: Eine Zweizimmerwohnung ist kein Tipi, und an einer Rauchvergiftung zu erkranken statt an dem Virus ist keine erstrebenswerte Alternative. Da eßt lieber guten Käse oder kämpft mit einem Holzschwert.

Liebe Freunde: Euch allen ein angenehmes Eierfest!

Spaziergänge in Zeiten von Corona (1)

Ein Sonnenstrahl im Frühling reicht normalerweise aus, um in Köln die Biergartensaison zu eröffnen. Wie lange das nun verschoben wird, weiß keiner. Glücklicherweise halten sich alle daran – im Moment.

In der Mode paßt man sich schnell an, auch im …

… Partnerlook zu haben. In der Fußgängerzone (wir werfen erst einen Blick hinein, bevor wir sie betreten, aber es ist nichts los) sind fast alle Geschäfte geschlossen, nur der Schokoladenladen am Neumarkt hat geöffnet – klar, Schokolade ist systemrelevant.

Beim Express will man sich die gute Laune nicht vermiesen lassen. „Heidewitzka, Herr Kapitän …“, dazu läßt sich gut „schunkele“, zur Not über Skype.

Apropos Kapitän – der Papst spendet einen außerordentlichen Segen „urbi et orbi“, in den Nachrichten wird darüber berichtet, als ob das was ganz Besonderes sei. Schnell mal recherchiert: Der Segen wird normalerweise nur zu Weihnachten und Ostern erteilt. Wer bereit ist, Geburtstag und Auferstehung der emblematischen Sektenfigur zu feiern, dem werden, quasi als Jubiläumsgabe, alle Sünden vergeben. Auch heute noch nennt man das Ablass, kein Scherz. Damit nun keiner denkt, das Corona-Virus sei eine Strafe Gottes für … was weiß ich, Globalisierung als kapitalistische Gewinnmaximierung, Ausbeutung der 3. Welt, Mißachtung von Menschenrechten, Vernichtung der natürlichen Umwelt, spendet Franziskus diesen Extra-Ablass. Das ist nett gemeint, so kann sich jeder Katholik sagen: Meine Schuld ist’s nicht, der Chef hat mich freigesprochen. „Heidewitzka …“ *summsumm*

Jeder tut, was er kann, um zu helfen, und vielleicht ringt der Papst die Hände und fragt sich, ob er nicht vielleicht noch ein „urbi et orbi“ spenden sollte. Aber nachher wollen die Leute jeden Tag so einen Segen, und das kennt man ja aus der Marktwirtschaft: Wovon es viel gibt, das verliert an Bedeutung, nur das Rare ist wertvoll. Der Papst im Streß.

Das „Ich“ ist nicht mehr angesagt, nur „Wir“ zusammen können die Krise bewältigen. Milliardenschwere Konzerne wie Adidas und H&M machen es vor und zahlen erstmal keine Miete mehr für ihre Läden, aufgrund eines Kündigungsschutzgesetzes, das für in Not geratene Kleinunternehmer geschaffen wurde. „Solidarität“ aus Managersicht – wozu bezahlt man seine firmeninternen Rechtsverdreher.

Aber es gibt glücklicherweise auch Leute, die das ernst nehmen mit der Solidarität. Freilich muß man auch hier vorsichtig sein, nicht jedes Hilfsangebot ist seriös, tatsächlich gibt es Leute, die die Ängste und Nöte besonders älterer Menschen ausnutzen, um sie zu betrügen. „Somigo.de“ habe ich überprüft, da kann man getrost anrufen, wenn man in Köln wohnt.

Und auch das ist eine gute Idee: Ein Gabenzaun, wo Leut ihre gehamsterten Lebensmittel, die sie nun doch nicht brauchen, hinhängen können, damit besonders Obdachlose sich bedienen können. Im Moment des Fotos scheint es aber noch nicht so weit zu sein. Oder die Nachfrage ist groß.

Wer keine Geschichten mehr lesen will über Klopapier, sollte hier abbrechen.

Vor zwei Tagen – Hamstereinkäufe waren von den Geschäften schon längst unterbunden – war ich vormittags nacheinander in zehn Filialen von Drogerien und Supermärkten, um Klopapier zu kaufen, da es so langsam bei mir eng wurde. Leider vergeblich, in der gesamten Kölner Innenstadt gab es das offenbar nicht mehr. Als ich meiner Begleiterin davon erzählte, bot sie mir an, mir eventuell eine Rolle aus ihrem – auch nicht üppigem – Vorrat zu schenken – wahre Freunde erkennt man in der Not. Später schickte sie mir einen Link von der Homepage eines Unverpackt-Ladens, wo noch Klopapier angeboten wurde. Am nächsten Tag: Auf dem Weg dahin machte ich kurz Halt, um obiges Plakat zu fotografieren, das ich am Vortag gesehen hatte – „Klopapier“ und „Windeln“ waren nun abgeklebt. Hurra! Als ich am Regal hinten im Laden ankam, mokierten sich zwei Verkäuferinnen gerade keifend darüber, daß schon wieder nahezu alles leergeräumt war. Fast hatte ich ein schlechtes Gewissen, daß nun auch ich ein weiteres Paket entnehmen mußte, fast hätte ich mich entschuldigt, auch ich esse und verdaue und dann, was soll ich machen … nun bin ich stolzer Besitzer von 16 Rollen 4-lagigem Klopapier, „zart duftend“, also parfümiert, dafür etwas teuerer als das, was ich normalerweise kaufe. Ich und mein Hintern atmen auf. Ich hoffe nur, er gewöhnt sich nicht an diese Luxusvariante. Sie heißt übrigens „Shea love“ – ein bißchen Liebe kann ja in diesen Zeiten nicht schaden, egal, woher sie kommt und wofür sie benutzt wird.

Ausgang mit Beschränkungen

Seit drei Tagen gibt es in Köln schon die Ausgangsbeschränkung, daß man sich in der Öffentlichkeit höchstens zu zweit aufhalten darf, nur Angehörige derselben Familie dürfen auch in höhrer Anzahl unterwegs sein. Nach meiner Beobachtung scheint das ganz gut zu klappen, brav sitzen am Aachener Weiher die Leute in vorbildlichem Abstand zueinander in der Sonne. Allerdings gibt es immer noch Orte, wo das überhaupt nicht funktioniert, wie Blogkollegin Feldlilie zu berichten weiß, die in einem Baumarkt arbeitet. Kaufhäuser, Beauty-Salons, Nagelstudios sind aus gutem Grund geschlossen, Baumärkte und Friseur-Salons allerdings nicht. Kann mir das jemand erklären?

„Ich mag aber nich‘ drin‘ bleiben“ hat hier ein Graffiti-Anfänger frisch an die Wand geschrieben. Man möchte antworten: Es wäre aber doch besser, mal ganz abgesehen vom Virus, erstens kann Mami dir zu Hause besser die Windeln wechseln und zweitens kannst du dich noch etwas in Gestaltung üben, bevor du anderen die Wände vollschmierst.

Aber es gibt auch junge Künstler, die einsichtig sind.

Das hängt in einem Schaufenster und spricht mir aus der Seele. Ich war noch nie ein Freund von Durchhaltesprüchen, zu lebensgefährlich.

Heilige Corona, hilf!

Die Lage ist ernst, aber das heißt ja nicht, daß man nicht mal einen Spaß machen darf. Es kann nicht mehr lange dauern, bis sich zumindest die Situation auf dem Klopapiermarkt soweit beruhigt hat, daß ich welches kaufen kann, einfach, weil ich mal wieder welches brauche. Die Amerikaner kaufen kein Klopapier, sondern vermehrt Waffen. Was wollen sie damit, die Viren erschießen? Mit Jagdgewehren? Ob nun Infizierter oder nicht, man sollte sich in den USA dieser Tage das Hüsteln in der Öffentlichkeit besser verkneifen.

So sah es noch letzten Sonntag in den Parks aus: Obwohl von allen Experten und Politikern dringend abgeraten, trafen die Leute sich zum Grillen, Saufen und Fußballspielen in den Parks, das Wetter war einfach zu schön. Heute Nachmittag, auch bei sehr schönem Wetter, sah das schon anders aus, mehr als drei Leute in einer Gruppe habe ich nicht gesehen. So langsam scheint es durchzusickern, wie gefährlich das sein kann.

Nicht nur ich, der ich gern im Park spazierengehe (mit gebührendem Abstand zu allen anderen natürlich), würde es vorziehen, wenn es nicht zu einer Ausgangssperre kommt, auch für die Gastronomie ist es sehr wichtig: Immer mehr Restaurants stellen sich auf „Take-Away“ ein. Das war zwar bei den meisten vorher auch schon möglich, aber es wurde nicht extra beworben, und nun ist es die einzige Möglichkeit, überhaupt etwas Umsatz zu machen. Stellt sich die Frage: Kann man sicher sein, daß der Koch kein Dampfplauderer mit einer feuchten Aussprache ist? Die selbe Frage stellt sich übrigens schon, wenn man morgens frische Brötchen kauft: Hat die Bäckereifachangestellte zwar brav in die Armbeuge geniest, allerdings zu dem Zeitpunkt, als sie gerade über dem frisch aus dem Ofen gehobenen Backblech hing? Nein, kann man nicht. Ich mache folgendes: Alles, was ich von außen hole, stecke ich vor Verzehr für zehn Minuten in den 100 Grad heißen Backofen – ich hoffe, daß das im Falle einer Kontamination hilft, auf jeden Fall beruhigt es mich.

Um 21.00 Uhr wird in meiner Straße aus den Häuserfenstern geklatscht und gepfiffen und laut „Danke!“ gerufen, jetzt schon den zweiten Tag (an dem ich das mitkriege). In Italien hat das begonnen, da haben seit der Ausgangssperre Leute angefangen, auf den Hinterhofbalkonen zusammen zu singen, oder jemand hat ein  Instrument gespielt, und die anderen haben zugehört. Die Medien haben schnell davon berichtet, alle waren hin und weg angesichts des solidarischen Gemeinschaftsgefühls, das sich da zeigt, und irgendwie ist es ja auch rührend. In Köln, wo sich ja jeder noch frei bewegen kann, klatscht man aus den Fenstern auf die Straße hinaus, um sich beim Krankenhauspersonal zu bedanken. Die, die sich in den Krankenhäusern aufgrund der schon seit Jahren verfehlten Personalpolitik des deutschen Gesundheitswesens den Arsch aufreißen, sind aber gar nicht da – entweder sie sind im Krankenhaus bei der Arbeit, oder sie liegen zu Hause im Bett und möchten bestimmt nicht durch johlende Klatscher gestört werden. Schon interessant, wie innerhalb kürzester Zeit aus einer guten Aktion in Italien ein kitschiges Selbstrührungsritual geworden ist. Interessant – und abstoßend.

Die Heilige Corona ist übrigens eine 16-jährige Märtyrerin aus dem 3. Jahrhundert. Sie ist nicht nur die Schutzheilige im Fall von Seuchen, sondern auch in Geldangelegenheiten. Sie zu beschwören wirkt also vielleicht sogar doppelt. Doch Vorsicht: Vielleicht glaubt das Virus, es sei selbst gemeint.

Same procedure …

Schon am letzten Wochenende rüstete die Stadt auf: Tribünen für den Wahnsinn, der da unweigerlich kommt.

Nicht nur Gebäudeteile werden kostümiert, sondern auch …

… Angebote gemacht für Haustiere, die ja oft als Kinderersatz gehalten werden, und das ist doch nicht schön, wenn Familienangehörige ausgeschlossen werden.

Ein Kostüm, „genäht“ aus Karnevalsorden – na, das ist doch mal ganz witzig. Aber Vorsicht: Der Kölner Sitzungs-Karnevalist läßt nicht mit sich spaßen, Humor ist seine Sache nicht: Wenn nicht jeder Orden ordentlich verdient wurde, ist Blasphemie im Spiel.

Diesen Leuten ist das allerdings völlig egal, hauptsache, es gibt was zu trinken. Als ich mir gestern, Weiberfastnacht, die Beine vertreten wollte, mußte ich an jeder Ecke solche Ansammlungen umrunden und dabei aufpassen, nicht in irgendwas reinzutreten, was mir an den Schuhen klebenblieb.

A propos Schuhe: Diese standen herrenlos an einer Ecke, der Besitzer muß als Clown gegangen sein. Ich vermute, Außerirdische, die grade mit ihrem Raumschiff die Erde umkreisen, fanden die Figur so bizarr, daß sie ihn hochgebeamt haben, was den Clown aus den Schuhen gerissen hat. Oder der Clown hat sich beim Wildpinkeln die übergroßen Schuhe besudelt und wollte mit den bepißten Tretern nicht weiter herumlaufen. Ich könnte das verstehen.

Weiter geht es dann auf Socken, aber dafür hat man jede Menge Geld gespart. Die Kneipen machen den Umsatz des Jahres – aber mit den negativen Begleiterscheinungen möchten sie natürlich nichts zu tun haben.

Da die Leute an Weiberfastnacht bereits um 11 Uhr anfangen zu saufen, sind sie um spätestens 23 Uhr platt, und es herrscht Ruhe in den Straßen. Das ändert sich aber in den folgenden Tagen – Freitag wird ausgeschlafen, und die nächsten fünf Tage werden die Nächte durchgefeiert. Der Begriff „feiern“ ist ein Synonym für saufen, gröhlen, Bierflaschen zerdeppern und in Hauseingänge pissen. Ich werde davon nichts mitkriegen, denn Samstag fahren wir nach Berlin. Ich hoffe, der Regen hat alles wieder gesäubert, wenn wir zurückkommen.

Wandern auf dem Salzalpensteig (12): Königssee

Auf dem Weg vom Hotel zum Königssee – ein halbstündiger Spaziergang – kommen wir an einer Art Romy-Schneider-Museum vorbei. Museum, der Ausdruck ist vielleicht etwas übertrieben, wenn man sich den Internetauftritt anschaut, es sind zwei kleine Räume, die vollgestellt sind mit Kleidern und Fotos aus der Zeit der Sissi-Filme und aus den Filmen, die sie damals noch in Deutschland gedreht hatte, bevor sie zur „Verräterin“ wurde, die lieber in Frankreich anspruchsvollere Rollen spielte. Ich mochte sie immer gern, schon als Kind hat mich besonders ihre Stimme fasziniert, ich kenne nur noch einen Schauspieler, mit dessen Stimme es mir ähnlich ging. Und weshalb hat sie hier diese ständige Ausstellung? Sie hat ihre Kindheit in Schönau verbracht.

Das hatten wir nicht vermutet: Je näher wir zum Königssee kommen, desto mehr buhlt man um unsere touritische Aufmerksamkeit.

Hier kann man sich ein neues Gesicht kaufen, falls man sein altes verloren hat – zwischen 5,95 und 7,95 Euro, das können sich auch FDP-Politiker leisten.

Besonders beliebt sind diese Plüschtiere – man spricht irgendwas in die Figur hinein, und ein integrierter Hochleistungscomputer nimmt das auf, verzerrt es ein wenig und wiederholt, was man gesagt hat. Wenn man das zweimal gemacht hat, ist der Reiz auch schon wieder verflogen, aber besonders Kinder sind natürlich fasziniert.

Den Königssee kann man mit einem Elektroboot befahren, eine Station kostet 15,90, zwei 19,90 Euro. Ganz schön happig, aber da wir schon mal da sind …

Alle Viertelstunde legt ein Boot ab, die Fahrt dauert ungefähr 45 Minuten. Seit 1909 werden die Boote – inzwischen gibt es 18 von ihnen – elektrisch betrieben. Der Grund war in erster Linie nicht frühes Umweltbewußtsein, sondern der Krach, den Benzinmotoren machen: Wenn die Herrschaften auf Jagd gingen, war weit und breit kein Wild zu sehen, weil es vor den Knattergeräuschen vom See geflohen war.

Ah! – Oh! – Ah!! – wer findet, das sei ein Postkartenfoto, klickt einfach drauf, schon ist es ein Bildschirmfoto. Das ist die 1. Station, St. Bartholomä, so genannt nach der Kirche. Im Hintergrund sieht man die Ostwand des Watzmanns. Gern klettern Wanderer darin herum, ungeübt und/oder mit Turnschuhen und stürzen ab. Diese ganze Gebirgskletterei von Kletterlaien sollte verboten sein, ohne Kletterführerschein sollte man niemanden auf die Berge lassen.

Mit Dramafilter sieht’s ein bißchen unheimlich, aber auch plastischer aus.

Natürlich steigen wir aus. Meine Begleiterin, die nicht zu Übertreibungen neigt, benutzt ein paar mal das Wort „paradiesisch“. Ja, doch, ganz schön …

… es gibt auch einen Biergarten, wo man Kaffee und Kuchen bestellen kann.

Die kleine Kapelle hat man nach dem Apostel St. Bartholomäus benannt, dem Märtyrer, dem man …

… wie auf dem Altarbild gezeigt wird, bei lebendigem Leib die Haut abgezogen hat. Wenn ihr auf einem Mittelalter- oder Barockbild mal einen Heiligen seht, der seine eigene Haut in der Hand hält, wißt ihr nun, wer das ist. Es gibt eine ganz berühmte Darstellung von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle. Die Figur soll ein Selbstbildnis des Künstlers sein, womit er sagen wollte: Uns Künstlern wird auch das Fell über die Ohren gezogen, so ungerecht werden wir behandelt. Aber das nur nebenbei. St. Bartholomäus ist nicht nur der Patron der Almbauern und SennerInnen, sondern auch der Heilige, der angerufen wird bei – na? Bei welchen Krankheiten? Genau, bei Hautkrankheiten. Wenn jemand sich damit auskennt, dann der, dachte man wohl – ähnlich wie St. Blasius für den Hals und der enthauptete St. Dionysius für Kopfschmerzen. Also, diese Katholiken – immer für einen Spaß bereit.

Am Ufer steht ein Sektenprediger vor einer sehr kleinen Abhängerschaft und brabbelt irgendwas – so sieht es jedenfalls aus. Wir erfahren, daß das der bayerische Finanz- und Heimatminister ist, der just an dem Tag einen WLAN-Hotspot auf der kleinen Halbinsel eingerichtet hat. Besser gesagt: Er hat auf den roten Knopf gedrückt, und wie durch Zauberei können nun alle Selfidioten ihre Handyfotos augenblicklich und unverzüglich ins weltweite Netz schicken, und das völlig umsonst, möglich gemacht durch den Finanzminister. Oder durch den Heimatminister, man weiß es nicht – die CSU scheint irgendein Problem mit dem Begriff Heimat zu haben. Daß man das in der Partei ständig thematisieren muß, schon Seehofer hatte ja seine Schwierigkeiten damit, ist merkwürdig.

Such! Such das Stöckchen! – sagt der Hund.

Im Boot zur 2. Station belauschen wir ein Gespräch zwischen einem der Bootangestellten und zwei anderen Fahrgästen. Ausgerechnet heute, so der Angestellte, wo der Minister anwesend sei, sei nur so wenig los. Heute sei der erste Tag in diesem Sommer, an dem nicht 8.000 Gäste mitfahren würden, sondern nur 2.000 … wie bitte? Ich denke erst, ich hätte mich verhört, aber er wiederholt es noch ein paarmal. Deswegen wurden wir also im Biergarten so schnell bedient. Man muß auch mal Glück haben. 8.000 mal 19,90 Euro, wenn alle die große Fahrt buchen, das macht einen Umsatz von 160.000 Euro – am Tag! Laut Auskunft des bayerischen Finanzministeriums fahren im Jahr 700.000 Menschen mit den Booten („Berchtesgadener Anzeiger“ vom 30.08.19) – was sagt der Heimatminister dazu? Ausbeutung der Natur zu rein kommerziellen Zwecken, Zerstörung der heimischen Infrastruktur für einen zügellosen Tourismus, Entfremdung der einheimischen Bevölkerung von ihrer durch Jahrhunderte gewachsenen Lebenskultur, Umweltverschmutzung durch die tägliche Bewegung der Touristenmassen, die mit Bussen und Autos hergekarrt werden – das muß aufhören!? Nichts davon. Das Ministerium erlaubt stattdessen den Bau des 19. Bootes, um den Andrang beherrschen zu können. Und nun wissen wir auch, warum das Heimatministerium dem Finanzministerium beigeordnet ist: Heimat, das ist in Bayern vielfach der Ort, wo möglichst viel Geld gescheffelt wird. Das kann man übrigens auch in den alpinen Wintersportorten sehr gut beobachten.

700.000 x 19,90 Euro – das macht knapp 14 Millionen Euro Umsatz pro Jahr, nur mit den Booten, da ist noch nicht das Geld mitgerechnet, das die Touristen für Transport, Essen und in China hergestellte und importierte Kitschsouveniers ausgeben.

Wir fahren weiter zur 2. Station, der Saletalm. Ganz schön, da kann man ein wenig herumspazieren und die Leute beim Selfienieren beobachten.

Es gibt ein Restaurant mit einem provisorisch wirkenden, aber funktionierendem Selfservice-Konzept, es gibt gute deutsche Hausmannskost, also Currywurst mit Fritten und ähnliches (gar nicht auszudenken, was hier los ist, wenn viermal so viele Leute da sind).

Weil es anfängt zu regnen, müssen alle Gäste drinnen einen Platz finden. Der Lattenjupp muß draußen bleiben, aber er hat ja sein eigenes kleines Häuschen.

Wir spazieren den Weg entlang, zu einem weiteren kleinen See, von dem aus es zu einem Wasserfall geht, in dessen Zwischenbecken immer mal wieder Leute ertrinken, die Selfies machen wollen, habe ich in einer Doku gesehen – das letzte Zeugnis ist die Botschaft an die Welt: Guckt mal, wo ich bin – und sterbe.

Wir verzichten und kehren um, folgen diesen beiden Nicht-Ostfriesen (der Ostfriesennerz ist gelb), trinken zum Abschluß in einem Biergarten in Schönau eine Apfelschorle und beobachten amüsiert, …

… wie aufgeregt diese beiden Asiaten reagieren, nachdem man ihnen das bestellte Bier serviert hat. Mit dieser Menge hatten sie ganz offensichtlich nicht gerechnet. Der Gastronom macht ein schönes Geschäft mit der Unwissenheit der ausländischen Kundschaft, aber das ist ja überall so.

Fazit: Diese Wanderung kann ich nicht empfehlen – trotz der großartigen Landschaft ist es zu anstrengend und an einigen Stellen lebensgefährlich. Daß es trotzdem ein schöner Urlaub war, verdanke ich überwiegend meiner Begleiterin: Ohne ihren nachsichtigen, humorvollen und mitfühlenden Beistand hätte ich die Wanderung wahrscheinlich nach wenigen Tagen abgebrochen.

Ende.