Same procedure …

Schon am letzten Wochenende rüstete die Stadt auf: Tribünen für den Wahnsinn, der da unweigerlich kommt.

Nicht nur Gebäudeteile werden kostümiert, sondern auch …

… Angebote gemacht für Haustiere, die ja oft als Kinderersatz gehalten werden, und das ist doch nicht schön, wenn Familienangehörige ausgeschlossen werden.

Ein Kostüm, „genäht“ aus Karnevalsorden – na, das ist doch mal ganz witzig. Aber Vorsicht: Der Kölner Sitzungs-Karnevalist läßt nicht mit sich spaßen, Humor ist seine Sache nicht: Wenn nicht jeder Orden ordentlich verdient wurde, ist Blasphemie im Spiel.

Diesen Leuten ist das allerdings völlig egal, hauptsache, es gibt was zu trinken. Als ich mir gestern, Weiberfastnacht, die Beine vertreten wollte, mußte ich an jeder Ecke solche Ansammlungen umrunden und dabei aufpassen, nicht in irgendwas reinzutreten, was mir an den Schuhen klebenblieb.

A propos Schuhe: Diese standen herrenlos an einer Ecke, der Besitzer muß als Clown gegangen sein. Ich vermute, Außerirdische, die grade mit ihrem Raumschiff die Erde umkreisen, fanden die Figur so bizarr, daß sie ihn hochgebeamt haben, was den Clown aus den Schuhen gerissen hat. Oder der Clown hat sich beim Wildpinkeln die übergroßen Schuhe besudelt und wollte mit den bepißten Tretern nicht weiter herumlaufen. Ich könnte das verstehen.

Weiter geht es dann auf Socken, aber dafür hat man jede Menge Geld gespart. Die Kneipen machen den Umsatz des Jahres – aber mit den negativen Begleiterscheinungen möchten sie natürlich nichts zu tun haben.

Da die Leute an Weiberfastnacht bereits um 11 Uhr anfangen zu saufen, sind sie um spätestens 23 Uhr platt, und es herrscht Ruhe in den Straßen. Das ändert sich aber in den folgenden Tagen – Freitag wird ausgeschlafen, und die nächsten fünf Tage werden die Nächte durchgefeiert. Der Begriff „feiern“ ist ein Synonym für saufen, gröhlen, Bierflaschen zerdeppern und in Hauseingänge pissen. Ich werde davon nichts mitkriegen, denn Samstag fahren wir nach Berlin. Ich hoffe, der Regen hat alles wieder gesäubert, wenn wir zurückkommen.

Wandern auf dem Salzalpensteig (12): Königssee

Auf dem Weg vom Hotel zum Königssee – ein halbstündiger Spaziergang – kommen wir an einer Art Romy-Schneider-Museum vorbei. Museum, der Ausdruck ist vielleicht etwas übertrieben, wenn man sich den Internetauftritt anschaut, es sind zwei kleine Räume, die vollgestellt sind mit Kleidern und Fotos aus der Zeit der Sissi-Filme und aus den Filmen, die sie damals noch in Deutschland gedreht hatte, bevor sie zur „Verräterin“ wurde, die lieber in Frankreich anspruchsvollere Rollen spielte. Ich mochte sie immer gern, schon als Kind hat mich besonders ihre Stimme fasziniert, ich kenne nur noch einen Schauspieler, mit dessen Stimme es mir ähnlich ging. Und weshalb hat sie hier diese ständige Ausstellung? Sie hat ihre Kindheit in Schönau verbracht.

Das hatten wir nicht vermutet: Je näher wir zum Königssee kommen, desto mehr buhlt man um unsere touritische Aufmerksamkeit.

Hier kann man sich ein neues Gesicht kaufen, falls man sein altes verloren hat – zwischen 5,95 und 7,95 Euro, das können sich auch FDP-Politiker leisten.

Besonders beliebt sind diese Plüschtiere – man spricht irgendwas in die Figur hinein, und ein integrierter Hochleistungscomputer nimmt das auf, verzerrt es ein wenig und wiederholt, was man gesagt hat. Wenn man das zweimal gemacht hat, ist der Reiz auch schon wieder verflogen, aber besonders Kinder sind natürlich fasziniert.

Den Königssee kann man mit einem Elektroboot befahren, eine Station kostet 15,90, zwei 19,90 Euro. Ganz schön happig, aber da wir schon mal da sind …

Alle Viertelstunde legt ein Boot ab, die Fahrt dauert ungefähr 45 Minuten. Seit 1909 werden die Boote – inzwischen gibt es 18 von ihnen – elektrisch betrieben. Der Grund war in erster Linie nicht frühes Umweltbewußtsein, sondern der Krach, den Benzinmotoren machen: Wenn die Herrschaften auf Jagd gingen, war weit und breit kein Wild zu sehen, weil es vor den Knattergeräuschen vom See geflohen war.

Ah! – Oh! – Ah!! – wer findet, das sei ein Postkartenfoto, klickt einfach drauf, schon ist es ein Bildschirmfoto. Das ist die 1. Station, St. Bartholomä, so genannt nach der Kirche. Im Hintergrund sieht man die Ostwand des Watzmanns. Gern klettern Wanderer darin herum, ungeübt und/oder mit Turnschuhen und stürzen ab. Diese ganze Gebirgskletterei von Kletterlaien sollte verboten sein, ohne Kletterführerschein sollte man niemanden auf die Berge lassen.

Mit Dramafilter sieht’s ein bißchen unheimlich, aber auch plastischer aus.

Natürlich steigen wir aus. Meine Begleiterin, die nicht zu Übertreibungen neigt, benutzt ein paar mal das Wort „paradiesisch“. Ja, doch, ganz schön …

… es gibt auch einen Biergarten, wo man Kaffee und Kuchen bestellen kann.

Die kleine Kapelle hat man nach dem Apostel St. Bartholomäus benannt, dem Märtyrer, dem man …

… wie auf dem Altarbild gezeigt wird, bei lebendigem Leib die Haut abgezogen hat. Wenn ihr auf einem Mittelalter- oder Barockbild mal einen Heiligen seht, der seine eigene Haut in der Hand hält, wißt ihr nun, wer das ist. Es gibt eine ganz berühmte Darstellung von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle. Die Figur soll ein Selbstbildnis des Künstlers sein, womit er sagen wollte: Uns Künstlern wird auch das Fell über die Ohren gezogen, so ungerecht werden wir behandelt. Aber das nur nebenbei. St. Bartholomäus ist nicht nur der Patron der Almbauern und SennerInnen, sondern auch der Heilige, der angerufen wird bei – na? Bei welchen Krankheiten? Genau, bei Hautkrankheiten. Wenn jemand sich damit auskennt, dann der, dachte man wohl – ähnlich wie St. Blasius für den Hals und der enthauptete St. Dionysius für Kopfschmerzen. Also, diese Katholiken – immer für einen Spaß bereit.

Am Ufer steht ein Sektenprediger vor einer sehr kleinen Abhängerschaft und brabbelt irgendwas – so sieht es jedenfalls aus. Wir erfahren, daß das der bayerische Finanz- und Heimatminister ist, der just an dem Tag einen WLAN-Hotspot auf der kleinen Halbinsel eingerichtet hat. Besser gesagt: Er hat auf den roten Knopf gedrückt, und wie durch Zauberei können nun alle Selfidioten ihre Handyfotos augenblicklich und unverzüglich ins weltweite Netz schicken, und das völlig umsonst, möglich gemacht durch den Finanzminister. Oder durch den Heimatminister, man weiß es nicht – die CSU scheint irgendein Problem mit dem Begriff Heimat zu haben. Daß man das in der Partei ständig thematisieren muß, schon Seehofer hatte ja seine Schwierigkeiten damit, ist merkwürdig.

Such! Such das Stöckchen! – sagt der Hund.

Im Boot zur 2. Station belauschen wir ein Gespräch zwischen einem der Bootangestellten und zwei anderen Fahrgästen. Ausgerechnet heute, so der Angestellte, wo der Minister anwesend sei, sei nur so wenig los. Heute sei der erste Tag in diesem Sommer, an dem nicht 8.000 Gäste mitfahren würden, sondern nur 2.000 … wie bitte? Ich denke erst, ich hätte mich verhört, aber er wiederholt es noch ein paarmal. Deswegen wurden wir also im Biergarten so schnell bedient. Man muß auch mal Glück haben. 8.000 mal 19,90 Euro, wenn alle die große Fahrt buchen, das macht einen Umsatz von 160.000 Euro – am Tag! Laut Auskunft des bayerischen Finanzministeriums fahren im Jahr 700.000 Menschen mit den Booten („Berchtesgadener Anzeiger“ vom 30.08.19) – was sagt der Heimatminister dazu? Ausbeutung der Natur zu rein kommerziellen Zwecken, Zerstörung der heimischen Infrastruktur für einen zügellosen Tourismus, Entfremdung der einheimischen Bevölkerung von ihrer durch Jahrhunderte gewachsenen Lebenskultur, Umweltverschmutzung durch die tägliche Bewegung der Touristenmassen, die mit Bussen und Autos hergekarrt werden – das muß aufhören!? Nichts davon. Das Ministerium erlaubt stattdessen den Bau des 19. Bootes, um den Andrang beherrschen zu können. Und nun wissen wir auch, warum das Heimatministerium dem Finanzministerium beigeordnet ist: Heimat, das ist in Bayern vielfach der Ort, wo möglichst viel Geld gescheffelt wird. Das kann man übrigens auch in den alpinen Wintersportorten sehr gut beobachten.

700.000 x 19,90 Euro – das macht knapp 14 Millionen Euro Umsatz pro Jahr, nur mit den Booten, da ist noch nicht das Geld mitgerechnet, das die Touristen für Transport, Essen und in China hergestellte und importierte Kitschsouveniers ausgeben.

Wir fahren weiter zur 2. Station, der Saletalm. Ganz schön, da kann man ein wenig herumspazieren und die Leute beim Selfienieren beobachten.

Es gibt ein Restaurant mit einem provisorisch wirkenden, aber funktionierendem Selfservice-Konzept, es gibt gute deutsche Hausmannskost, also Currywurst mit Fritten und ähnliches (gar nicht auszudenken, was hier los ist, wenn viermal so viele Leute da sind).

Weil es anfängt zu regnen, müssen alle Gäste drinnen einen Platz finden. Der Lattenjupp muß draußen bleiben, aber er hat ja sein eigenes kleines Häuschen.

Wir spazieren den Weg entlang, zu einem weiteren kleinen See, von dem aus es zu einem Wasserfall geht, in dessen Zwischenbecken immer mal wieder Leute verunglücken, die Selfies machen wollen, habe ich in einer Doku gesehen – das letzte Zeugnis ist die Botschaft an die Welt: Guckt mal, wo ich bin – und sterbe.

Wir verzichten und kehren um, folgen diesen beiden Nicht-Ostriesen (der Ostfriesennerz ist gelb), trinken zum Abschluß in einem Biergarten in Schönau eine Apfelschorle und beobachten amüsiert, …

… wie aufgeregt diese beiden Asiaten reagieren, nachdem man ihnen das bestellte Bier serviert hat. Mit dieser Menge hatten sie ganz offensichtlich nicht gerechnet. Der Gastronom macht ein schönes Geschäft mit der Unwissenheit der ausländischen Kundschaft, aber das ist ja überall so.

Fazit: Diese Wanderung kann ich nicht empfehlen – trotz der großartigen Landschaft ist es zu anstrengend und an einigen Stellen lebensgefährlich. Daß es trotzdem ein schöner Urlaub war, verdanke ich überwiegend meiner Begleiterin: Ohne ihren nachsichtigen, humorvollen und mitfühlenden Beistand hätte ich die Wanderung wahrscheinlich nach wenigen Tagen abgebrochen.

Ende.

Vorlesezeit

Da ich wenig Zeit habe, heute mal eine Konserve aus dem Jahr 2010, der Inhalt ist aber wie neu. Damals schrieb ich über den Text: „Er geht zu Herzen und spart doch die Wirren des Alltags nicht aus: Es geht um eine aussichtslose, einseitige Liebe, die vermutlich nie in Erfüllung geht. Taschentücher bereithalten.“

Der Text ist von Blogfreund Jules van der Ley (heute Teestübchen Trithemius), eingelesen und bebildert von mir.

Euch allen erholsame Tage!

Wandern auf dem Salzalpensteig (11): Ausflug nach Salzburg (2)

Ich habe Urlaub bis ins nächste Jahr, könnte also alle möglichen Dinge erledigen und tue – gar nichts, außer rumhängen und lesen. Auch mal ganz schön. Nun aber habe ich mich endlich aufgerafft, weiter geht’s mit ein paar Eindrücken aus Salzburg.

Die Innenstadt steht auf der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO, was auf der einen Seite bedeutet, daß sie vor baulichen Veränderungen einigermaßen geschützt ist. Auf der anderen Seite benutzen viele Touristen diese Liste als Hinweise für „must see places“, was bedeutet: Es ist voll hier, besonders in der engen Getreidegasse, in der das Geburtshaus des berühmtesten „Sohnes“ der Stadt steht. So …

… sieht er aus. Oder doch …

… eher so? Nee, jetzt hab‘ ich’s:

So. Ist natürlich alles Quatsch. In Wirklichkeit …

… ist er von edlem Antlitz.

Meine Begleiterin ist Schokoladenliebhaberin, deshalb müssen wir unbedingt ins Café und Konditorei Fürst. Paul Fürst hat 1890 die Mozart-Kugel erfunden – und leider nicht patentieren lassen, so daß es heute alle möglichen Nachahmer gibt, darunter auch welche von mieser Qualität, ich habe sie probiert.

Die Kugeln von Fürst werden heute immer noch so hergestellt wie zu Anfang, jede einzelne ist von Hand gerollt: Ein Pistazienmarzipankern, ummantelt von einer dicken Schicht Nougatschokolade, wird auf einen Holzstab gesteckt und in Kouvertüre getaucht. Wenn alles fest und getrocknet ist, wird die Kugel abgenommen und – Sensation! – jede einzelne per Hand mit einem Schokopropfen zugestopft und eingewickelt.

Da es warm ist und alle Leute draußen sitzen, haben wir innen die frei Platzwahl, sehr schön.

Ich übertreibe nicht: Der dunkle Kuchen heißt wirklich Mozart-Torte.

Kaum ein Geschäft, daß nicht teilhaben will am Komponisten-Hype: Notenvorhang als Deko.

Mich würde interessieren, wie der Amerikaner das ausspricht: Why-iner Sknizl?

Na, das ist doch mal ein Schnäppchen! Den halben Preis nehme ich gerne mit, aber bitte keine Schecks, das Dirndl dürft ihr behalten. Nein, schon okay, ich weiß, wie es gemeint ist. Leider kann ich nicht zuschlagen, in Köln trägt man sowas nicht, und mein Arbeitgeber wäre irritiert.

Das wäre doch schon eher was für mich. Der gleicht mir – bis aufs Haar, meins ist kürzer. Und die Kombi mit den Schuhen, also, ich weiß nicht, das ist jetzt nicht soo elegant. Schluß mit den Albernheiten …

… kommen wir zum Ernst des Lebens: Noch ein Portrait von mir? Fast, ich arbeite nur noch halbtags, das hat mich davor bewahrt. Gechmackloses als Mitbringsel für die Kleinen zu Hause: „… und so sieht Mozart heute aus.“

Das ist heutzutage aber nicht mehr politisch korrekt …

… dachte sich hier jemand. Wenn man es so läßt, kann jeder zufrieden sein.

Da geht’s zum Residenzplatz vorm Dom …

… mit einem riesigen Pferdebrunnen in der Mitte, wo den Tieren das Wasser aus allen möglichen Öffnungen fließt. Ich möchte nicht wissen, was die Pferde im Hintergrund davon halten.

Dahinten geht es in den Dom, da müssen wir rein, so schnell kommen wir nicht mehr her.

Tja, schön wär’s – zur Zeit wird der „Jedermann“ aufgeführt, und so lange ist der Eingangsbereich geschlossen. 14 Aufführungen innerhalb von sechs Wochen im Hochsommer – und so lange können keine Besucher in den Dom? Daß man das nicht besser lösen kann …
Über 2.500 Zuschauer sollen da gleichzeitig sitzen können, wenn man eine der Eintrittskarten ergattert hat. Für 2020 kann man schon vorbestellen, ab 357,- Euro aufwärts. Sieht gar nicht so groß aus, ich weiß ja nicht, ob das ein großes Vergnügen ist.

Herrenmode im Wandel der Zeit.

Gleich in der Nähe der – na? – richtig: Der Mozart-Platz.

Der hätte es nach meiner Meinung ebenso verdient, überall gefeiert zu werden: Der Dichter Georg Trakl wurde hier geboren. Wenn man in den Hinterhof des Hauses geht, werden einem über Lautsprecher einige Gedichte vorgelesen – von mehreren Stimmen gleichzeitig, in verschiedenen Sprachen. Man versteht kaum ein Wort – keine Ahnung, was das soll, echt blöd gemacht.

In der Wohnung ist ein Trakl-Museum eingerichtet, allerdings mit merkwürdigen Öffnungszeit. Egal, wir haben eh keine Zeit. Der Dichter wurde bloß 27 Jahre alt, man weiß nicht genau, ob er sich selbst getötet hat oder ob es ein Drogenunfall war, beides ist möglich – ein Mensch, der sowieso schon mit sich und seiner Welt haderte, und dann erlebte er auch noch einige Gräuel des beginnenden 1. Weltkriegs. Hier eins seiner Gedichte:

Confiteor

Die bunten Bilder, die das Leben malt
Seh‘ ich umdüstert nur von Dämmerungen,
Wie kraus verzerrte Schatten, trüb und kalt,
Die kaum geboren schon der Tod bezwungen.

Und da von jedem Ding die Maske fiel,
Seh‘ ich nur Angst, Verzweiflung, Schmach und Seuchen,
Der Menschheit heldenloses Trauerspiel,
Ein schlechtes Stück, gespielt auf Gräbern, Leichen.

Mich ekelt dieses wüste Traumgesicht.
Doch will ein Machtgebot, daß ich verweile,
Ein Komödiant, der seine Rolle spricht,
Gezwungen, voll Verzweiflung – Langeweile!

Passend dazu (obwohl nicht zusammengehörig) werden wir auf eine Ausstellung hingewiesen: Die Kriegstreiber, die uns ihre Waffen verkaufen und uns in ihrem Gebrauch schulen, das sind die eigentlichen Feinde.

Wohnungsklingeln von früher – funktionieren heute nicht mehr, habe ich mir sagen lassen, die Leute ziehen ein elektronisches Fiepen vor. Sporer soll übrigens ausgezeichnete Spirituosen herstellen, habe ich (glücklicherweise erst nach unserem Besuch) gehört.

So, wir müssen wieder zurück. Wenn man in der Gegend ist, kann man hier gut einen Nachmittag verbringen, oder auch zwei – das Kunstmuseum soll sehr gut sein. Extra für die Stadt herkommen würde ich nicht. In Mozarts Geburtshaus befindet sich übrigens ein Supermarkt im Erdgeschoß (die Käsetheke ist in seinem ehemaligen Kinderzimmer … nein, quatsch). Warum auch nicht – so unverblümt, wie hier mit seinem Namen Geschäfte gemacht werden, das hätte ihn vielleicht sogar amüsiert.

Fortsetzung folgt.

Venloer Str.

Rund 41 Prozent der deutschen Bevölkerung lebt als Single, in Großstädten sind es sogar 54 Prozent. Da sehnt man sich nach Mitbewohnern, und seien sie auch nur im Möbelhaus für 300 Euro gekauft. Wenn man zusammen mit diesem Mitbewohner fernsieht, besonders Sendungen aus dem Privat-TV, dann fühlt man sich gleich unter seinesgleichen. Allerdings sollte man Vorsicht walten lassen, jedem wohnt ein wildes Tier inne – vielleicht wird im Anschluß die komplette Wohnung auseinandergenommen, und schon muß man wieder ins Möbelhaus. Fernsehen ist nicht zu unterschätzen, man sollte die Apparate nicht ohne Waffenschein verkaufen. Oder man verabreicht Alkohol dazu, das hilft beim Abstumpfen.

Wandern auf dem Salzalpensteig (10): Ausflug nach Salzburg (1)

Von Schönau nach Salzburg kann man mit dem Linienbus fahren, es dauert ungefähr eine Stunde. Die Stadt liegt an einem Fluß, der Salzach, da fühlen wir uns gleich wie zu Hause. Auf dem Weg in die historische Altstadt begegnet uns ein Schild: Marina Abramović Monument, mit Pfeil in die entgegengesetzte Richtung. Wir sind allein schon wegen der Ankündigung erstaunt – das müssen wir uns zuerst ansehen.

Fast wären wir daran vorbeigelaufen. Über Marina Abramović könnte ich viel erzählen (und das mache ich demnächst auch mal), hier nur soviel: Sie ist eine Performance-Künstlerin, die schon in den 70er und 80er Jahren durch zum Teil martialische künstlerische Performances von sich Reden gemacht hat. Weltweit populär wurde sie 2010 durch die Langzeit-Perfomance „The Artist is Present“ im New Yorker „Museum of Modern Art“ (Ausschnitte davon kann man sich bei Youtube ansehen). Als bildende Künstlerin trat sie eher selten in Erscheinung. Hier haben wir nun acht Stühle, die ausdrücklich besessen werden dürfen, das ist doch schonmal schön, so direkt am Fluß. Kissen, Kuchen und Kaffee muß man allerdings selbst mitbringen.

Wenn man auf einem der Stühle sitzt, schaut man in diese Richtung, wo der Blick automatisch nach oben gelenkt wird, nämlich …

… dahin. Noch ein Stuhl, 15 Meter hoch, ohne Sitzfläche. Das kann man einfach so hinnehmen, aber da es sich um Kunst handelt, kann man sich natürlich auch einiges überlegen: Wer so lange Beine hat, daß er sich da hinsetzen kann, hat dagegen einen verhältnismäßig kleinen Hintern, der dazu noch unbequem ohne Sitzfläche auskommen muß. Ein stuhlähnliches Möbel ohne Sitzfläche haben wir ja alle in unseren Wohnungen, im Bad, aber das kann doch hier nicht gemeint sein. Die Figur, die sich hier am besten positionieren kann, die also weder überlange Beine noch eine Sitzfläche braucht, ist eine Figur, die schwebt …

So gibt man sich seinen interessanten Spekulationen hin, und es würde völlig ausreichen, es dabei zu belassen. Aber Abramović wäre nicht sie selbst, würde sie sich an das Goethe-Wort „Bilde, Künstler! Rede nicht! Nur ein Hauch sei dein Gedicht!“ halten: Dick und fett erklärt sie uns ihr Werk und wie wir uns zu verhalten haben, zweisprachig auf einer großen Tafel in signalrot (zum Vergrößern bitte draufklicken):

Der Text ist an Banalität kaum zu überbieten: Statt „Mozart“ und „Salzburg“ kann man jeden beliebigen Komponisten und seine Stadt einfügen, es paßt immer. Wie wäre es mit Josef Haydn und Wien? „Mitten im Herzen von Wien, wo Verkehr und hektisches Stadtleben pulsieren, wollte ich einen Ort der Besinnung schaffen und ihn dem Geist Haydns widmen“ – und so weiter. Klappt auch mit Frank Zappa und Los Angeles. Oder Heino und Bad Münstereifel. Und was ist das jetzt mit dem hohen Stuhl? Wenn schon, denn schon, dann wollen wir aber auch alles wissen:

„Ich möchte einen Sitz für den Geist Mozarts errichten. Er ist 15 Meter hoch, hat keine Sitzfläche, sondern nur die äußeren Formen eines Stuhles. Wenn man darunter steht, sieht man den Himmel. Der Geist ist etwas Unsichtbares, aber wenn man ihm einen Sitz errichtet, wird das Unsichtbare sichtbar. Jeder, der lange genug sitzt und nachdenkt, kann eine Verbindung mit unsichtbaren Kräften eingehen“, heißt es auf der Internetseite.
Ach. Ach was. Da habe ich wohl nicht lange genug dagesessen. Aber ich lag gar nicht so schlecht mit meiner Vorstellung einer schwebenden Figur.

Das Werk ist Teil des“Kunstprojekts Salzburg“ (so der damalige Titel, heute wird es „Walk of Modern Art“ genannt), 2002 von der „Salzburg Foundation“, einer Vereinigung privater Sponsoren, ins Leben gerufen. Innerhalb von zehn Jahren durften zwölf ausgewählte Künstler ihre Werke an jeweils einem Platz in der Innenstadt ausstellen. Neben Marina Abramović tauchen so illustre Namen wie Christian Boltanski, Anthony Cragg, Stephan Balkenhol, Anselm Kiefer und Markus Lüpertz auf. Die Konservativen schäumten, immer wieder aufs Neue, allen voran die FPÖ. Besonders die Skulptur von Markus Lüpertz erregte die Gemüter: Eine Mozart-Figur, bestehend aus einem weiblichen Körper und einem Mozart-Kopf, bunt angemalt – zugegeben, sehr häßlich. Allerdings kenne ich keine einzige Skulptur von Lüpertz, die nicht häßlich ist. Irgendjemand (ein rechter Hohlkopf) besprühte die Skulptur kurz nach der Aufstellung und federte sie, sodaß sie nach der Reinigung nun farbfrei dasteht.

2012 wollte die Foundation die Kunstwerke der Stadt schenken, aber die Stadt lehnte die Schenkung ab – was genau der Grund war, weiß ich nicht. Also sprang der Unternehmer Reinhold Würth ein, der auch schon vorher Mitglied der Foundation war, er kaufte alle Skulpturen und stellt sie der Stadt als Dauerleihgabe zur Verfügung. Die Würth-Gruppe, ein Familienunternehmen aus Baden-Württemberg, hat einen Jahresumsatz von 13,6 Milliarden Euro, die Familie Würth wird auf ein Vermögen von 10 Milliarden Euro geschätzt. Reinhold Würth, heute 84 Jahre alt, fing in den 60er Jahren an, Kunstwerke zu sammeln, inzwischen umfaßt die Sammlung über 18.000 Werke – reiche Leute suchen sich kostspielige Hobbies, mit dem Geld fängt man nicht an, Kronkorken verschiedener Biermarken zu sammeln, obwohl der Reiz dazu wahrscheinlich der gleiche ist. Allerdings ist die öffentliche Anerkennung mit Kunst viel höher, wie man es ja auch bei Peter Ludwig und Hasso Plattner sehen kann. Man könnte seine Milliarden auch für die Rettung der Welt ausgeben, aber Kunst ist irgendwie geiler. Der Grund für Würths Salzburger Engagement ist leicht zu erraten: Erstens kostet es ihn fast nichts (gemessen an seinem Vermögen), zweitens wohnt er in Salzburg. Entweder die damaligen Stadtratsmitglieder hatten genau darauf spekuliert, als sie die Schenkung ablehnten, oder es waren komplette Idioten, denn inzwischen ist der Skulpturenreigen ein tourismusfördernder Publikumsmagnet, und von den Anwohnern beschwert sich auch keiner mehr.

So langsam müssen wir mal weiter. Dahinten ist eine Fußgängerbrücke, schon die zweite in nur geringer Entfernung – da kann man als Kölner regelrecht neidisch werden, sowas wird zwar in Köln auch immer wieder diskutiert, alle fänden es gut – aber dann versandet das Gespräch und alles bleibt beim Alten.

Auch hier die inzwischen wohl für Flußbrücken obligatorischen Liebesschlösser. Wer keins aufhängen kann, weil er oder sie niemanden hat, soll sich hier hinstellen und irgendjemanden küssen – iieh bah! Jod! Heißes Wasser!

Fortsetzung folgt.

Wandern auf dem Salzalpensteig (9): Ausflug nach Berchtesgaden

Berchtesgaden ist eine so hübsche Stadt, wenn man da fotografiert und paßt nicht auf, macht man fast nur Postkartenfotos. Und da es mir gar nicht einfällt, immer aufzupassen (im wahrsten Sinne des Wortes, ich habe wirklich nicht daran gedacht), ist es halt so.

Berchtesgaden ist gar keine Stadt, sondern eine Minderstadt, was man ihr aber nicht ansieht – ein Scherz, denn der Begriff hat gar keine abwertende Bedeutung: Minderstadt, das bedeutet, daß ihr im Mittelalter nicht die vollen Stadtrechte verliehen wurden. Daher sagt man auch nicht „Stadt Berchtesgaden“, sondern „Markt Berchtesgaden“.

„Markt“ heißt jetzt nicht, daß der ganze Ort ein einziger Marktplatz mit ständigem Marktgeschehen ist oder war. Der Begriff – und das ist in Deutschland eine bayrische Spezialität, in Östereich taucht er auch noch auf – bezeichnet eine Gemeindeform. Es gibt in Bayern heute noch 386 Märkte, also Gemeinden, die sich nicht Stadt, sondern (bloß) Markt nennen dürfen.

Wenn im Mittelalter einem Ort das Stadtrecht verliehen wurde, war das immer mit Privilegien verbunden, und das wichtigste und älteste Privileg war das Marktrecht: In der Stadt durfte ein Wochen- oder Jahrmarkt veranstaltet werden. Die Bauern aus der Gegend durften ihre Erzeugnisse also nicht auf selbstgewählten zentralen Plätzen anbieten, sondern mußten in die nächste Stadt fahren. Das war zwar mit etwas mehr Mühe verbunden, sorgte aber dafür, daß sich die Städter mit Lebensmitteln versorgen konnten, ohne jeweils einzeln aufs Land fahren zu müssen, und auch für die Bauern stellte sich diese Regelung als gut heraus, da sie in der Stadt genügend Käufer für ihre Waren fanden.

Was nun aber, wenn einerseits der Bedarf der Stadt gedeckt, andererseits der nächste städtische Markt so weit entfernt war, daß eine Anreise nur mit viel Mühe zu bewerkstelligen war? Die Landesfürsten vergaben das Marktprivileg an Gemeinden, die als Stadt nicht bedeutend genug waren, die aber für ihre Gegend eine herausgehobene Bedeutung hatten, topographisch oder was die Anzahl der Einwohner betraf. Im übrigen Deutschland (also dem Gebiet, das sich heute so nennt) und in der Schweiz gab es solche Gemeinden auch, da nannte und nennt man sie „Flecken“.

Die Bezeichnug „Mangelstadt“ ist historisch, heutzutage spielen bestimmte Stadtprivilegien keine Rolle mehr – es sei denn, man hat ein teures Auto, dann kann man gern mal zum Einkaufen in der Fußgängerzone parken. Vermutlich auch eine bayrische Spezialität.

A propos Spezialitäten: Bei „Grassl“, einem Spirituosenhersteller, erwartet einen gleich im Eingang ein Tablett mit fingerhutgroßen gefüllten Gläsern, zur freien Verkostung. „Blutwurz“, ein Kräuterlikör aus der Blutwurzel, hat mir besonders gut geschmext … pardon, geschmeckt. 48% Alkohol – da merkt man, daß eine Fingerhutmenge eine große Wirkung haben kann. Die Entscheidung für den Kauf einer ganzen Flasche fällt einem nach ein paar Proben leichter als sonst – raffiniertes Marketing.

Bayrische Streetart: Am berühmten Hirschenhaus gibt es eine sogenannte Affenfassade.

Im Mittelalter hatte die Darstellung von Affen in der Kunst immer eine Verbindung zum Teufel. Das änderte sich mit dem Beginn der Barockzeit um 1600: Besonders in der flämischen und niederländischen Malerei waren Affen in menschlicher Bekleidung satirisch gemeint: Seht nur, wurde den begüterten Bürgen und Amtspersonen vorgehalten, ihr seid auch nicht besser in eurem weltlichen Streben und Tun als die Affen im Zirkus (diese Darstellungsart hat die französische Bezeichnung „Singerie“ = Affentrick). Wie diese Obrigkeitskritik Anfang des 17. Jahrhunderts ausgerechnet in das provinzielle Berchtesgaden kam, ist mir schleierhaft.

Hier habe ich mal „aufgepaßt“: Eine recht schöne Stadt … nein, ein schöner Markt, in (oder auf?) dem man gut mal einen Nachmittag verbringen kann – kein Grund, den Kopf zu verlieren. Aber ich habe keine Ahnung, wie es einem geht, wenn man hier dauerhaft lebt.

Fortsetzung folgt.